Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Seebär in echt

Vorarlberg / 02.08.2016 • 18:18 Uhr

Fernab von den Irritationen des Nachrichtengeschehens kommt er auf seinem klapprigen Fahrrad zum Hafen, lange bevor die Cabrios und Coupés der Yachtbesitzer den Kampf um die schattigen Parkplätze aufnehmen. Die Fahrer werfen einander launige Bemerkungen zu. Da quillt die Seemannschaft nur so aus marineblauen Polos und weißen Shorts. Da und dort wird ein Fläschchen vom Weißen, das den gestrigen Abend wie durch ein Wunder überlebt hat, an Bord eingekühlt – Chablis auf großer Fahrt.

Er ist längst ausgelaufen. Sein kleines Kunststoffboot, das so wie sein Besitzer sichtlich in die Jahre gekommen ist, hielte dem Vergleich auch nicht stand mit all dem Mahagoni und blank polierten Messing. Es wäre eher ein Kontrapunkt, eine optische Dissonanz: Die Segel verwaschen und unsagbar oft geflickt, der Rumpf fleckig und rau, am Bug hat der See allerhand Grünzeug angeheftet. Ganz so, als wollte er den Segler am Ende aller Tage ganz zu sich nehmen.

Vielleicht käme ihm das sogar zupass. Mit listigen Augen schätzt er Wind und Wellen ein und hat nicht einmal einen Motor an Bord. Den braucht einer wie er nicht. Denn er fährt selbst im Winter raus. Wenn seine Nachbarn ihre schwimmenden Einfamilienhäuser in den Werften überholen lassen, gehört ihm der See ganz allein. Mag schon sein, dass dann mitunter Eiskristalle den ansehnlichen Rauschebart erstarren lassen. Aber das schert ihn nicht. Während die anderen sich über ihre kalten Bilanzen gebeugt an der Sehnsucht nach dem nächsten Sommer erwärmen, ist er ihnen stets eine Buglänge voraus.

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