Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Der Zeit entledigt

Vorarlberg / 06.09.2016 • 19:23 Uhr

Doch, es gibt diesen seligen Zustand vollkommener Entspannung. Man wird seiner erst eine kleine Weile, nachdem er leise eingetreten ist, gewahr. Da ist zum Beispiel die Sache mit der Zeitung, die man eben liest. Sie ist von gestern. Beiläufig fällt der Blick aufs Datum. Heiter nimmt man den Vortag zur Kenntnis … und liest weiter.

Natürlich hat sich die Welt in 24 Stunden weitergedreht, aber das tat der exzellenten Pasta in dem kleinen Hafenrestaurant doch keinen Abbruch. Vielleicht haben über Nacht Börsenkurse Talfahrten angetreten, das hinderte die entzückende Signorina am Strand nicht daran, ihre Augen auf eine Art und Weise niederzuschlagen, als senkte sich ein kühler Abend begütigend übers erhitzte Land.

Man wird milde. Lächelt ohne Grund. Es wird erwidert. Und nachlässig. T-Shirt und Hose passen nicht zueinander? Na sowas … Man schlürft den Espresso mit Andacht und sieht dabei den Möwen zu. Lässt flache Steine übers Wasser hüpfen wie ein Kind und schenkt den millionenschweren Booten keinerlei Beachtung.

Man bollert auf seinem alten Motorrad wie mit 20 die Uferstraße entlang und trägt den aufmunternden Zuruf „Che bella macchina“ noch stundenlang im Ohr. Lässt sich Abends mit schlecht gespielter Gegenwehr zum funkelnden Roten überreden. Kein ungeduldiger Ruf nach dem Kellner stört. Niemand hat Eile. Und der Blick auf die Armbanduhr geht schon deshalb ins Leere, weil man das gute Stück längst verlegt hat.

Vermutlich ließe sie sich finden. Wehe!

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