Noch niemals überzogen
Mitten hinein in die Bratwurstseligkeit der Dornbirner Messe, in dieses Wunderland aus Sonderangeboten, als hätte einer all die Versuchungen, die im Internet nur einen Mausklick weit entfernt scheinen, an einem Ort begreifbar gemacht, dort mitten hinein platzt der Satz wie eine Bombe. Eine etwa 60 Jahre alte Dame sagt ihn. Beantwortet eben die Fragen für ein Gewinnspiel. Aber jetzt stutzt sie. Wie viel Zinsen die Bank bei der Überziehung eines Girokontos verrechnet? Du meine Güte! Das weiß sie nicht. Und dann sagt sie, beinah entschuldigend: „Wissen Sie, ich habe mein Konto noch nie überzogen.“
Aber geh! Sich wirklich nie etwas geleistet, obwohl sie gerade knapp bei Kasse war? Kein Kleid, kein Handy? „Nein, halt gewartet, bis sich‘s ausging.“ Sie wirkt fast irritiert. Am Stand vis-à-vis schüttelt ein elektrisches Rüttelpult dem interessierten Kunden angeblich die Kilos wieder aus dem G‘wand, die er mit Kurzgebratenem gerade noch herzhaft vermehrt hat. Wenige Meter weiter lässt Lederpflege zu Messepreisen – „Kauf zwei, zahl eins“ – alte Jacken jung und allzu junge wieder antiquiert aussehen. Es ist ein Wunder. Eines von vielen.
Oh, sie und ihr Mann haben sich schon Geld geliehen, damals, beim Hausbau. Die Dame hat jetzt zu erzählen begonnen. Vom ersten Radio, vom ersten Auto. Schnellstmöglich hätten sie den Kredit zurückbezahlt und dabei auf allerhand verzichtet. Aber das sagt sie keineswegs bedauernd. Es muss eine schöne Zeit gewesen sein, man liest es in ihren Augen. Und so steht inmitten des Überflusses eine kleine Geschichte vom Verzicht . . . und glänzt.
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