Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Au Backe!

Vorarlberg / 20.09.2016 • 18:20 Uhr

Dem jungen Mann würde man nächtens nur ungern begegnen. Nicht der zahlreichen Tätowierungen wegen – die sähe man im Dunkeln ja nicht. Aber der kleiderschrankbreiten Testosteronschleuder machte man im engsten Durchgang bereitwillig Platz, bevor er ihn sich nimmt.

Tagsüber jedoch und hier und jetzt macht er einen eigentümlich zurückhaltenden Eindruck. Er hat sogar die Lederjacke auf einen Kleiderbügel gehängt, nachdem er das spießbürgerliche Utensil richtig erkannt und gedeutet hatte. Und er wirft die gestiefelten Beine mitnichten auf den gläsernen Couchtisch, dass es klirrt. Nein, stattdessen klauben seine Finger eine Autozeitschrift aus dem Kurzweilangebot. Aber er blättert sie fahrig durch. Jedes Mal, wenn aus einem der Zimmer schabende oder bohrende Geräusche dringen, spitzt er dagegen die Ohren wie ein Luchs. Und wird noch einen Deut blasser.

Er hat sich dann – Hand aufs Herz – sogar artig verabschiedet, die rechte Hand zum Gruß, die Linke an der Backe. Und da denkt man sich: Vielleicht wirkte bei den ganz harten Jungs, wenn die Männlichkeit wieder mal richtig ins Kraut schießt, so ein kleiner herzerfrischender Zahnarztbesuch wahre Wunder. Zahnärztliche Zuwendung im Strafvollzug? Nein, nein, braucht es gar nicht. Schließlich haben schon zehn Minuten im Wartezimmer den Tiger im Tank dieses Monstertrucks in ein Kätzchen verwandelt.

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