Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Vom Wert einer Zukunft

Vorarlberg / 04.10.2016 • 18:23 Uhr

Eigentlich habe sie Biologie studiert, sagt Saida. Aber jetzt steht sie an der Rezeption in einem kleinen Hotel der Altstadt von Sarajewo. Den Job teilt sie sich mit einer fertigen Anglistin. Die fünf Zimmer putzt eine angehende Rechtsanwältin. Wenn alle Hotelgäste Richtung Bazar in der Menge verschwunden sind, verzehrt das akademische Trio, was vom Frühstück übrig blieb. Dann reden sie über ihr gemeinsames Ziel: vom Leben im Ausland. Sie spülen das Geschirr und träumen von Europa.

Bosnien, im Oktober 2016: Hochmoderne Einkaufstempel bieten Luxuswaren an, die selbst mitteleuropäische Touristenbudgets überfordern. In ihren gläsernen Fassaden spiegeln sich aschgraue Häuserzeilen, noch immer mit Einschusslöchern übersät. Vom Krieg vor 20 Jahren erzählen die Museen. Aber er geistert auch wieder durch die Nachrichten, seit die Spannungen zwischen Bosniern und Serben wachsen. Und wenn tatsächlich wieder Schüsse fallen? „Dann packen 90 Prozent die Koffer und gehen weg!“ Da ist sich Saida ganz sicher. Also führen letztendlich alle Wege ins Ausland?

Der gelernte Österreicher suhlt sich seit der verpatzten Präsidentenwahl in der Schande einer Bananenrepublik. Östlich des eigenen Tellerrands würde er lernen, wie so etwas wirklich aussieht. Das Lachen erstürbe ihm auf den Lippen. Er erblickte ein zwar berauschend schönes, und doch kaputtes Land, das seine Vorzüge nicht zu nutzen und seiner Jugend keine Zukunft zu bieten vermag. So etwas ist wirklich traurig. Und anstrengend: Für den Luxus lustvoller Gegenwartsbemitleidung, den sich der Österreicher quasi zum Gabelfrühstück leistet, fehlt einem jungen Bosnier jede Zeit. Der ist mit der Suche nach Perspektiven vollauf beschäftigt.

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