Der Herr seiner Zeit
Wenn die Juweliere vor Weihnachten das Augenmerk ihrer Kunden geschickt auf die mechanische Armbanduhr lenken, ist das natürlich nicht Ausdruck einer neuen Bescheidenheit. Denn die altmodische Zwiebel ist in der Regel sauteuer. Aber mit der Anzahl der Nullen auf dem Preisschild allein lässt sich die Faszination auch nicht erklären.
Schon komisch: Selbst die neuen Herren der digitalen Welt hängen sich so ein altmodisches Ungetüm ans Handgelenk. Dabei kann auch das formvollendete Zusammenspiel von Anker und Unruh nur die Zeit ansagen, mehr nicht. Jedes Drittklassehandy ist klüger.
Die Qualitäten der alten Uhr liegen auf ganz anderem Gebiet. Wenn der mechanische Zeitmesser am Tag zehn Sekunden vorgeht, sieht sein Besitzer geflissentlich darüber hinweg. „So viel Zeit muss sein.“ Lustvoll gönnt er sich diesen Satz, den ihm eine Quarzuhr nie in den Sinn brächte. Mehr noch: Indem er das Uhrwerk aufzieht, gibt er sich selber den Takt vor, in Managerkreisen eine berückend schöne Lüge. Das alte, mechanische Räderwerk kann weder E-Mails abrufen noch im Internet surfen. Aber es tickt ein unglaubliches Gefühl herbei: Wann immer sein Besitzer aufs Zifferblatt schaut, ist er für einen köstlichen Augenblick nichts weniger als Herr seiner Zeit.
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