Vernunft war gestern
Dann eben Schluss mit Argumenten! Es geht nicht mehr darum, was wahr ist, sondern, was sich wahr anfühlt. Das hat Vorteile: Fakten bleiben widerlich unbeirrt, auch wenn wir sie hassen. Aber Meinungen sind anders, ganz wunderbar flexibel. Also weg mit den Zahlen und Daten, die wir schon in der Schule nicht mochten. Und rein in die postfaktische Welt der Politik, in der lustvoll gelogen, abgelenkt und verwässert wird. „Den Klimawandel haben die Chinesen erfunden“ – das klingt doch viel unterhaltsamer als das lähmende Gequatsche über Klimaziele, die am Ende noch das eigene Auto infrage stellen.
Nein, der Souverän hat seine Macht entdeckt, und was auch immer die Damen und Herren Meinungsforscher im Vorfeld einer Wahl gegen gutes Geld ihren Glaskugeln entlocken – am Ende sind Frau und Herr Volk in der Wahlkabine ganz mit sich allein, und dann können sich „die da oben“ warm anziehen.
Fast möchte man wetten, dass „postfaktisch“ dereinst zum Wort des Jahres gekürt werden wird. Bis dahin sind vielleicht schon die ersten Ernüchterungen übers Land gezogen. Eine Ahnung wabert dann über die Stammtische, dass die Menschen, die von komplexen Problemen sprachen, doch nicht nur blöde Spielverderber waren. Dass markige Sprüche zwar unterhalten, aber nichts lösen. Aber bis zu diesem Zeitpunkt werden schon viele Dinge geschehen sein, die den Unterhaltungswert eines durchschnittlichen österreichischen Fernsehabends um Lichtjahre übertreffen.
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