Pinguine haben’s gut
Alles verschwimmt: der Terror und die Weltlage, der Lohnsteuerausgleich und die chronische Ebbe im Staatssäckel, die jüngsten Aufträge der Herzallerliebsten, und was man sonst noch so alles verschlampt hat, all das löst sich auf im Tanz der Schneeflocken, schwirrt über die Landstraße in kristallener Leichtigkeit, und nur das Augenpaar gegenüber hat noch Bedeutung. Groß schaut es einen an mit geweiteten Pupillen. Ein überraschter Ausdruck liegt auf dem Gesicht der jungen Frau. Ihre Lippen öffnen sich, als spräche sie. Aber das hört man nicht.
Man hört überhaupt nur ein leises Knirschen der rutschenden Räder, das die Stimme aus dem Autoradio unterlegt. Ein Experte ist am Wort. Der Mann arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Bestimmt ein verantwortungsvoller Posten. Jetzt gibt er seinen Landsleuten diesen Rat mit auf die eisglatten Wege: „Stellen Sie sich einfach vor“, sagt er, „sie wären ein Pinguin.“ Genau wie jene Vögel solle man sich bei Glatteis fortbewegen: Watschelnd, mit kleinen Schritten, mit dem Schwerpunkt auf dem vorderen, auftretenden Bein und mit ganzer Sohle aufsetzendem Fuß. So geht das.
Dass es auch Pinguine aushebelt, verschweigt der Orthopäde. Das ist schade. Sonst erführe man, dass ein gefallener „Pingi“ einfach auf dem Bauch weiterrutscht und die Füße wie einen Außenbordmotor benutzt. Er schiebt sich voran, wohin er will. Das täte man jetzt auch gern. Vielleicht hat die entzückende junge Frau im himmelblauen Golf ja das Radio an. Als wir jetzt jedenfalls unerwarteterweise doch noch aneinander vorbeirutschen, heben wir wie auf Kommando beide die rechte Flosse und denken uns: Pinguine haben’s gut.
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