„Wir brauchen dringend eine Oma-Revolte“

Vorarlberg / 19.03.2017 • 18:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Neben Job und Oma-Revolte hegt Gertraud Burtscher ihren „winzigen Garten“ vor ihrer Parterrewohnung.  hrj
Neben Job und Oma-Revolte hegt Gertraud Burtscher ihren „winzigen Garten“ vor ihrer Parterrewohnung. hrj

Die Juristin Gertraud Burtscher protestiert gegen ungerechte Pensionen für alte Mütter.

Heidi Rinke-Jarosch

bludesch. „Es ist eine Schande, dass es so viele alte Mütter gibt, die von gerade mal 830 Euro netto monatlich leben müssen. Das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.“ Gertraud Burtscher weiß, wovon sie spricht. Die in Kürze 74-Jährige ist selbst Mutter – und zwar von sieben Kindern – und erhielte aus ihrem Erwerbseinkommen nur die Mindestrente. „Ich habe allerdings das große Glück, dass mich die Steuerberater Martin Winkel und Peter Steiner angestellt haben und ich daher noch arbeiten kann.“ Den Job bekam die dynamische Seniorin vor zehn Jahren – nach Abschluss ihres Jus-Studiums.

Mit 60 an die Uni

Gertraud Burtscher ist in Wien aufgewachsen und hat dort eine Bürolehre absolviert. Studieren kam damals für sie nicht infrage. „Es hieß: Mädchen heiraten eh“, erzählt sie. 1978 verschlug es sie mit ihrem Ehemann und sechs Kindern in den Westen. Ihr Mann, ein Vorarlberger, hatte eine Stelle bei einem Unternehmen in Nüziders angenommen.

Im darauffolgenden Vierteljahrhundert zog Gertraud Burtscher ein weiteres Kind groß, ließ sich von ihrem ersten Ehemann scheiden, heiratete den zweiten und trennte sich schließlich auch von ihm. 2003 stand die Pensionierung an. Sie war 60 und beschloss, an der Grazer Universität Jus zu studieren. Den Abschluss schaffte sie in der Rekordzeit von drei Jahren. 2006 kehrte sie als Magistra der Rechtswissenschaften nach Vorarlberg zurück.

Burtscher fand sich jedoch nicht damit ab, das Leben mit der Mindestrente bzw. Ausgleichszulage fristen zu müssen: „Ich wollte arbeiten. So begann ich als 63-Jährige Blindbewerbungen zu schreiben.“ Die Hohenemser Steuerberater Winkel und Steiner boten ihr einen Job an. „Dabei hatte ich keine Ahnung von Buchhaltung.“ In ebenso kürzester Zeit legte sie – neben der Vollzeitbeschäftigung in der Steuerberaterkanzlei – die Buchhalterprüfung ab und absolvierte einen Bilanzbuchhalterkurs.

Heute lebt Burtscher, die inzwischen Großmutter von 24 Enkeln ist, in einer Mietwohnung „mit winzigem Garten“ in Bludesch und fährt an vier Tagen pro Woche zur Arbeit nach Hohenems. „Ich arbeite noch immer gerne“, betont sie, „aber was mache ich, wenn ich aufhören muss? Dann rutsche ich auf die Ausgleichszulage zurück und muss mit 830 Euro monatlich zurechtkommen.“ Personen mit 30 Jahren Versicherungszeiten bekommen nun zwar eine höhere Ausgleichszulage, „dabei ­werden aber keine Kindererziehungszeiten und nur Jahre der Erwerbstätigkeit vor Pensionsantritt angerechnet“, erklärt sie. „Also für mich keine Chance.“

Gegen diese Ungerechtigkeit im Pensionssystem, von der vor allem Mütter ihrer Generation betroffen sind, müsse man sich wehren. Burtscher kam auf die Idee, eine „Oma-Revolte“ zu organisieren. Ihr erster Schritt war, mittels E-Mails Behörden, politische Parteien, Pensionistenverbände, auch Einzelpersonen, „die mir gerade in den Sinn kamen – wurscht welcher Farbe“, um Unterstützung für folgende Forderungen zu ersuchen: Erstens: Berechnung der Kindererziehungszeiten mit einem fiktiven Einkommen von etwa 1800 Euro wie bei den jungen Müttern. Oder zweitens: Einrechnung von Kindererziehungszeiten und Erwerbseinkommen nach Pensionseintritt in die 30 Jahre für die um etwa 100 Euro höhere Ausgleichszulage. Oder drittens: Auszahlung des Höherversicherungsbetrags für Erwerbseinkommen nach Pensionseintritt zusätzlich und nicht anstatt der Ausgleichszulage.

Bislang hätten noch nicht alle, aber bereits einige der Mail-Empfänger reagiert. Vom schwarzen Seniorenbund etwa antwortete Präsidentin Ingrid Korosec, sie werde sich für Punkt 2 und 3 einsetzen, informiert Burtscher. Vonseiten des roten Pensionistenverbandes habe es geheißen, dass die Gesetze so seien und man nichts machen könne.

„Alle vier politischen Richtungen – ÖVP, SPÖ, FPÖ, Grüne – haben den dritten Punkt am ehesten durchsetzbar gefunden“, sagt Burtscher. „Meiner Ansicht nach müsste jedoch auch Punkt 2 durchsetzbar sein, weil er den Staatshaushalt nicht übermäßig belasten würde.“

Demo vor dem Parlament

Burtschers nächstes Ziel ist es, „einen Bus voller Frauen zusammenzubringen, die mit mir vor dem Parlament in Wien gegen geringe Pensionen für Frauen demonstrieren. Schön wäre es, wenn alle, die schimpfen, auch etwas tun würden“.

Zur Person

Gertraud Burtscher

Geboren: 11. April 1943

Wohnort: Bludesch

Laufbahn: Bürolehre, Jus-Studium mit 60, Angestellte

Familie: Mutter von sieben Kindern

Freizeit: Wandern am Muttersberg, Wanderreisen nach England

Oma-Revolte-Kontakt: Gertraud Burtscher, gertraud.burtscher@gmx.at, ab 19 Uhr unter 0664/3231745