Die zwölfte Stunde
Die Suche nach flexiblen Arbeitszeiten findet allabendlich aufschlussreiche Antworten am unscheinbarsten aller Arbeitsplätze, nämlich daheim. Etwa in der klassischen Familie (doch, es gibt sie noch, sogar mit Vater, Mutter und Kind). Vielleicht so gegen 19 Uhr? Das Abendessen ist vorbei. Der Verzehr sorgsam zubereiteter Lebensmittel nahm in etwa sieben Minuten in Anspruch. Jetzt liegt gesättigte Ruhe über dem Schlachtfeld.
Da erhebt sich die Mutter und lässt den Satz fallen: „Den Abwasch macht ihr.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schleppt sie sich Richtung Kanapee. Sie hat nämlich bereits einen Elf-Stunden-Tag in den Beinen und sieht tatsächlich die erste Gelegenheit, dieselben nun auszustrecken.
In der Küche entbrennt indes der Kampf um die gerechte Arbeitsverteilung. Der Sohn wischt sich nach zwei abgetrockneten Tellern in der Attitüde des geschundenen Werktätigen den imaginären Schweiß von der Stirn. Vater nimmt den Schmähruf des Ausbeuters und Leuteschinders nach kurzer Abwägung dankend in Kauf, sofern er sich dafür weiter ungestört der Motorradzeitung widmen kann. Und wo liegt die Flexibilisierung? Warten Sie noch zwei Minuten. Da, sehen Sie: Zwei vom Klassenkampf redlich erschöpfte Herren haben sich vorzeitig zur Ruhe begeben, während die Arbeiterklasse nach halbstündiger Rast gewohnt flexibel in der zwölften Stunde den Rest erledigt.
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