Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Arbeit macht schön

04.04.2017 • 16:30 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Mit der Kraft eines ausgewachsenen Braunbären hebt er den Schremmhammer wie ein Spielzeug über den Kopf und sprengt damit die Fliesen von der Wand. Staub und infernalischer Lärm füllen in Sekunden das kleine Badezimmer. Aber ihn ficht das nicht an. Rasch findet er seinen eigenen Rhythmus, den er gut drei Stunden lang beibehält. Das Mineralwasser zwischendurch schlägt er mit einem knappen „noch nicht“ aus. Nur wenn die beiden Hilfsarbeiter den Platz beanspruchen, um die nächste Fuhre Bauschutt wegzukarren, hält er für ein paar Augenblicke inne.

Dann hat er den Job erledigt. Seine Haare stehen ihm staubgrau und starr zu Berge. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, wirft einen prüfenden Blick in den Raum. Doch, es ist gut. Und … setzt sich nicht, sondern beginnt, die Baustelle zu säubern. Die nach ihm kommen werden, um dort Neues aufzubauen, wo er Altes abgetragen hat, sollen sich nicht kümmern müssen.

Erst nachdem er die Werkzeuge gereinigt hat, nimmt er Platz. Isst von der Jause, kaut bedächtig, trinkt das kalte Wasser in langen Zügen und plaudert das Nötige. Er muss müde sein. Aber nein, er klagt nicht. Ganz im Gegenteil. Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Nun scheint eine Baustelle zwar kaum der geeignete Ort zu sein, um über Ästhetik nachzudenken, bei all dem Dreck, dem Schweiß, dem Geruch … Und doch bleibt ein Eindruck haften: Der arbeitende Mensch ist schön.

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