Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Post aus Tirol

10.04.2017 • 17:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wenn der Vatikan-Botschafter in Wien, der päpstliche Nuntius, Post von Landeshauptleuten bekommt, handelt es sich meistens um Einladungen zu Festspieleröffnungen oder ähnlichen schönen Anlässen. Der Brief, den der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter kürzlich dem Nuntius schrieb, war allerdings weniger freundlich. Hintergrund dieses ungewöhnlichen Schrittes ist der Unmut darüber, ausgerechnet im heiligen Land Tirol seit November 2015 auf die Ernennung eines Bischofs warten zu müssen.

 

Landeshauptmann Platter appellierte mit großer Besorgnis an den Vertreter des Vatikans, Rom möge die mehrmonatige Nichtbesetzung des Bischofsamtes endlich beenden. Sie führe unter den Gläubigen zu Gleichgültigkeit, Missstimmung und Verbitterung, anstatt den Menschen Halt und Sicherheit zu geben. Die Bevölkerung werde sich fragen, warum es überhaupt einen Bischof brauche, wenn es nun bereits über ein Jahr keinen gegeben hat. Nicht zuletzt sei ein Bischof auch ein wichtiger Ansprechpartner des Landes und daher sei er auch als Landeshauptmann über die Vorgangsweise verärgert. Auch unter den Geistlichen wird immer mehr Kritik an einer Selbstbeschädigung der Kirche laut. Die Diözese ist zwar nicht ganz führungslos, weil mit dem bisherigen Generalvikar ein allseits geschätzter und tüchtiger Mann die laufenden Geschäfte führt, aber wichtige Entscheidungen muss auch er auf die lange Bank schieben. Er kann verwalten, aber nicht gestalten. Warum er nicht gleich selbst zum Bischof bestellt wurde, ist unbekannt.

 

Wie man auch in Vorarlberg erfahren musste, ist eine so lange Dauer der Bischofsbestellung kein Einzelfall. Bei uns konnte man wenigstens noch entschuldigend in Rechnung stellen, dass zwischendurch ein neuer Papst gewählt wurde und sich Franziskus dann sehr beeilte. Dabei sind anstehende Bischofsernennungen in der Regel angesichts des feststehenden Pensionsalters lange Zeit voraus bekannt und die Bischofskonferenz muss Rom ohnedies alle drei Jahre – sozusagen auf Vorrat – Vorschläge für geeignete Nachfolgekandidaten in den einzelnen Diözesen vorlegen. Da würde man doch meinen, dass zügig entschieden werden könnte. Bemerkenswert ist auch, dass offenbar die im Vatikan zuständige Kongregation ihr eigenes Kirchenrecht nicht ernst nimmt: „Can. 151 — Die Übertragung eines Amtes, das der Seelsorge dient, darf ohne schwerwiegenden Grund nicht aufgeschoben werden.“

 

Wie bei anderen Bischofsbestellungen wird für unser Nachbarland wohl eine Rolle spielen, dass kircheninterne Richtungskämpfe Papst Franziskus auch in diesem Bereich blockieren. Die rückwärtsgewandte und machtbewusste Samt-und-Seide-Fraktion im Vatikan ist offenkundig nach wie vor einflussreicher, als es der Kirche guttut.

Eine so lange Dauer ist kein Einzelfall.

juergen.weiss@vn.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.