Mit Brustvorsorge abgeblitzt

11.04.2017 • 17:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit dem Programm wurden auch hohe technische und personelle Qualitätsstandards eingeführt. Foto: vn
Mit dem Programm wurden auch hohe technische und personelle Qualitätsstandards eingeführt. Foto: vn

Nur knapp 30 Prozent der Frauen in Vorarlberg beteiligten sich am neuen Programm.

Bregenz. So war das wohl nicht gedacht: Die erste Auswertung zu dem 2014 eingeführten neuen Brustkrebs-Früherkennungsprogramm bescherte dem Mustervorsorgeland einen argen Dämpfer. Mit einer Beteiligung von 30,9 Prozent in der Zielgruppe der 45- bis 69-jährigen Frauen belegt Vorarlberg im Bundesländervergleich nur den unrühmlichen letzten Platz. Selbst eine Gesamtschau der in den vergangenen zwei Jahren durchgeführten Mammografien macht die Sache nicht besser. Zwar steigt die Teilnahmerate dann auf 42,9 Prozent. „Doch selbst damit sind wir hintendran“, bestätigt Gesundheitslandesrat Christian Bernhard auf VN-Anfrage die wenig erfreuliche Entwicklung. Den europäischen Leitlinien zufolge hätte das Programm eine Teilnahme­rate von mindestens 70 Prozent bringen müssen.

Mehr Individualität

Weniger dramatisch sieht der Gynäkologe und Vorsorgemediziner Hans Concin das Ergebnis. Zum einen glaubt er den Zahlen nicht ganz, weil jene der Privatärzte und Privatordinationen fehlen, wie er vermutet. Zum anderen habe die Vorsorge an Individualität gewonnen. Neben jenen, die grundsätzlich zur Vorsorge gehen, und jenen, die grundsätzlich nicht gehen, hat sich laut Concin eine dritte Gruppe gebildet, und zwar eine, die nach familiärem sowie Hoch- oder Niedrigrisiko differenziert und sich über die Nachteile einer Methode informiert. „Es gab immer schon Frauen, die nur ungern zur Mammografie gingen und die wir deshalb unter Druck gesetzt haben“, räumt er ein. Für Hans Concin steht der Nutzen der Mammografie außer Frage. „Sie rettet Leben.“ Aber es gebe auch Nachteile. Concin: „Gesunde Frauen haben ein Recht, beides zu erfahren. Es ist unsere Aufgabe, sie aufzuklären.“ Für ihn liegt der große Gewinn des neuen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms in der massiven Qualitätsverbesserung der Untersuchung. Warum sie trotzdem nur mäßig angenommen wird? „Vielleicht sind wir schon individueller geworden und damit wieder einmal der Zeit voraus“, wagt Hans Concin eine vorsichtige Interpretation.

Noch keine befriedigende Erklärung hat Gesundheitslandesrat Christian Bernhard gefunden. Dass die Bereitschaft der Frauen zur Vorsorgemammografie trotz Einladungskarte nicht sonderlich hoch ist, habe ihn persönlich überrascht. Jede Systemumstellung brauche zwar Zeit. Doch die Bruchlandung kam unerwartet und gibt zu denken. „Wir müssen alles daransetzen, den Frauen die Wichtigkeit der Brustkrebs-Früherkennung ins Bewusstsein zu bringen.“ So will Bernhard mit Vertretern der Vorarlberger Gebietskrankenkasse bald die notwendigen Gespräche dazu führen. Das Programm ist bekanntlich eine gemeinsame Initiative von Bund, Sozialversicherung, Ländern und Österreichischer Ärztekammer.

Die Müden aufwecken

Letztere hatte als Reaktion auf die schlechte Inanspruchnahme unter anderem das anonyme Briefeinladungssystem kritisiert und gefordert, dass Frauen wieder eine Zuweisung von ihren Gynäkologen oder Hausärzten erhalten sollen. Christian Bernhard hingegen meint, es gehe auch darum, Eigenverantwortung zu übernehmen. Was das betrifft, hat er eine gewisse Müdigkeit in Sachen Prävention festgestellt. Die Bemühungen will er aber nicht aufgeben, sondern die „Müden aufwecken“.

In Vorarlberg gibt es 61.896 Frauen im Alter zwischen 45 und 69 Jahren. Genau 19.123 sind 2014 und 2015 dem Brustkrebs-Früherkennungsprogramm gefolgt. Einen Lichtblick gibt es für Bernhard: Bei der Meldung von Biopsie- und Operationsergebnissen im Zusammenhang mit dem Brustkrebsprogramm sind die Vorarlberger Krankenhäuser führend.

Vielleicht sind wir individueller geworden und der Zeit voraus.

Hans Concin