Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Die Dinge singen hören

Vorarlberg / 02.05.2017 • 18:25 Uhr

Die vier Gartenstühle sind vollkommen unbeschädigt. Das Geflecht der Lehne hat die Sonne in den höchstens drei, vier Jahren nicht einmal ausgebleicht. Gut, die hölzernen Armlehnen könnten etwas Öl vertragen. Aber das erklärt kaum, warum die vier jetzt auf dem Sperrmüll stehen. Der Mitarbeiter am Bauhof zuckt nur die Achseln. Drüben steht ein ganzes Wohnzimmer. Gleich neben den Gartenabfällen. Alles intakt. Aber irgendjemandem eben nicht mehr gut genug.

Jetzt sollte man das ja nicht bejammern, weil ganze Industriezweige davon leben, dass Konsumenten sich frühzeitig von ihrer Habe trennen. Man denke nur an die Autos, die den Konzernen (versehentlich) als unkaputtbar vom Band liefen. Über den Zweier-Golf staunt heute noch die halbe Welt. Oder über den dicken, sperrigen Volvo. Hält einfach ewig. Das ist regelrecht geschäftsschädigend.

Und doch . . . eben hat Hartmut Rosa in St. Arbogast gesprochen. Er ist der Star der deutschen Soziologie. Ungemein beredt erzählte er davon, weshalb wir immer reicher und doch immer kälter werden. Mozarts Zauberflöte auf Schallplatte, vom vielen Hören schon ganz zerkratzt, und der ganze Mozart in 200 CDs zum Schnäppchenpreis – das ist nicht nur quantitativ ein Unterschied. Die ganze Edition ist wie seinerzeit der Brockhaus: Prächtig und stumm. Entrauscht und vollständig, aber da klingt nichts mehr. Kein Vergleich zur alten Platte. Rainer Maria Rilke bekennt in seinen frühen Gedichten: „Die Dinge singen hör ich so gern.“ Ob‘s am Bauhof nächstens klingt, wer weiß?

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