Kleinere Übel
Natürlich hat sich am Sonntagabend halb Europa den Angstschweiß von der Stirn gewischt und die letzten Spuren an Verunsicherung mit einem Viertel Beaujolais beseitigt, schon waren die Meinungsforscher am Zug. Haarklein zogen sie aus ihren Zauberkoffern die Antworten auf all die drängenden Fragen des Tages: Warum Macron zwangsläufig gewinnen musste und Le Pen verloren hat. Wer da wen wählte und warum. Vor allem aber, warum nicht. Denn viel war von Verlegenheit die Rede und von der Qual der Wahl, die entgegen der Wahlbeteiligung immer größer wird.
Wann ging eigentlich der letzte Urnengang über die Bühne, der Menschen aus Überzeugung mobilisierte? Wann hat das letzte Mal ein Kugelschreiber das Kreuz hinter dem Namen des Kandidaten nur so hingefetzt aufs Papier, weil eben nur die oder der ins Amt gehört?
Heute, so scheint es, wählt das Volk allerorten nur mehr die kleineren Übel. Wir dürfen uns entscheiden zwischen Clinton und Trump, Macron und Le Pen – das österreichische Verlegensheitstrio ist sattsam bekannt. Sehr viele Franzosen haben wohl nicht den jungen Sozialliberalen gewählt, sondern jedenfalls nicht die nationalistische Sirene. Sie wählten das kleinere Übel, obwohl sich so junge politische Bewegungen gern auf den zweiten Blick als dünn wie Seidenpapier entpuppen. Dennoch, Europa atmet auf. Es war noch ein Glück, was da am Sonntag passiert ist. Der gelernte Österreicher aber denkt an Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ und ihre weisen Worte zurück: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“
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