Du bist nur ein Mensch
Ein siegreicher römischer Feldherr fuhr im Triumph durch die Straßen Roms, bejubelt von den Massen des Volks. Das muss ein unglaubliches Gefühl gewesen sein: Vor ihm trotteten seine Gefangenen und die Opfertiere, von schweren Wagen herab warfen die erbeuteten Schätze ihren Glanz in die Menge, gemessenen Schrittes gingen direkt vor ihm die obersten Staatsbeamten mit dem Rutenbündel als Zeichen der Macht über der linken Schulter. Ganz Rom betete ihn an. Hinter ihm marschierte die siegreiche Armee. Was trennte ihn jetzt noch von der Allmacht?
Nur ein Sklave, ein Unfreier. Der stand nämlich hinter ihm auf dem Streitwagen, den vier nervös tänzelnde Pferde zogen. Er hielt dem Imperator einen schweren, goldenen Kranz übers Haupt. Dabei wiederholte er unentwegt dieselben Worte. Der römische Historiker Tertullian hat sie so überliefert: „Schau hinter dich! Denk daran: Du bist nur ein Mensch!“
Nun, angesichts der wachsenden Zahl blutjunger Männer, die da unverhofft zu größten Ehren kommen in Europa, denen ganze Nationen oder zumindest erschlaffte Parteien zu Füßen liegen, scheint der Gedanke an eine Wiederbelebung der römischen Tradition verlockend. Gewiss, man könnte eine App programmieren, um die kleinen und großen Prinzen an ihre Endlichkeit zu erinnern. Da sie aber heutzutage in Limousinen zu ihren Triumphen kurven, hätte ein Staatssklave prima Platz: Am Beifahrersitz der frisch gekrönte Halbgott und hinter ihm z. B. ein älterer Arbeitsloser, so 50 plus. Quasi das Fleisch gewordene Wahlversprechen, das sich mit dem Satz revanchiert: „Was immer sie Dir gerade einreden, Du bist nur ein Mensch.“
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