Fünf Herren
Wie die fünf Herren so dasitzen – jetzt steckt sich einer noch ein Pfeifchen an und verströmt einen komfortablen Geruch – sie könnten ebenso gut die Honoratioren des Dorfes sein: Der hagere Lange mit dem wettergegerbten Gesicht, das wäre der Lehrer. Und der da so offenkundig seine Scherze treibt und dabei die flinke Bedienung nicht aus den Augen lässt, wohl der Gemeindearzt. Der Gemütliche mit vor dem stattlichen Bauch gefalteten Händen gäbe einen prima Bürgermeister ab. Und sein pausbäckiges Gegenüber, das gerade lustvoll der Sahnetorte zuspricht, das wäre ohne Zweifel sein Bruder, der sich damals für die geistliche Laufbahn entschieden hat.
Nur der Fünfte bleibt unsichtbar. Der hat die ganze Zeit den Kopf unten. Hat wohl etwas verloren. Jetzt zahlen sie. „Herr Doktor“ überlässt dem Mädchen ein Trinkgeld, das ihm die Röte in die Wangen treibt. Dann erheben sie sich. Auch der Fünfte taucht jetzt ächzend auf; der ist der Älteste. Nach einer kleinen Weile sind die fünf Herren startklar. Haben die Stiefel zugehakt und ihre Lederoveralls zugezogen, die Sonnenbrillen und die Helme aufgesetzt. Einen Wimpernschlag später erfüllt das Fauchen wütender Raubkatzen den Platz, und weg sind sie.
Zurück bleiben eine Spur von Tabakgeruch und die Wirtstochter, die den röhrenden Motorrädern noch ein Weilchen nachschaut. Motorradfahren ist heute die Domäne gesetzterer Herren. Jenseits der 65 Jahre, aber mit 150 PS. So eine verkehrte Welt – sie streicht das Trinkgeld ein und klaubt ein funkelndes Ducati-Feuerzeug aus dem Kies – hat aber auch ihre Vorteile . . .
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