Entsetzen über das Eschensterben

Vorarlberg / 31.05.2017 • 18:48 Uhr
Andreas Amann mit einer vom Schädling zerstörten Jung-Esche. Das Problem ist massiv.  Foto: VN/Stiplovsek
Andreas Amann mit einer vom Schädling zerstörten Jung-Esche. Das Problem ist massiv. Foto: VN/Stiplovsek

Landesförster Amann schlägt Alarm: Neun von zehn Eschen von Pilz befallen.

Satteins. Das kleine weiße Stengelbecherchen: So verniedlichend ist die Bezeichnung für jenen Schädling, der in Form eines Pilzes den gesamten Eschenbestand in Vorarlberg bedroht. „Ja“, sagt Andreas Amann (54), Leiter der Forstabteilung des Landes, „die Lage ist in der Tat dramatisch.“ Er schnappt sich den Ast einer bereits verdorrten Esche. „Dieser Baum ist tot. So wie viele andere auch.“ Amann ist im Kristwald bei Satteins mit 19 Waldaufsehern unterwegs. Ein Waldpflegeseminar steht an, das Thema Eschen nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein. „Wir können aktuell leider nichts gegen diesen Pilzbefall tun und müssen mehr oder weniger tatenlos zusehen, wie der Schädling die Bäume dahinrafft“, bemerkt der Baumexperte mit einem betrübten Unterton in seiner Stimme.

Bodenstabilisator

Besonders traurig stimmt es Amann, dass seit heuer auch bisher vitale, kräftige Bäume Opfer des tödlichen Pilzes werden. „Bei den jüngeren Eschen gibt es dieses Problem ja schon lange. Aber jetzt erreicht das Eschensterben eine neue Dimension“, erklärt Amann. Der Pilz tritt in Form von Sporen auf, welche die Baumkronen befallen. Die Blätter werden infiziert, und wenn diese auf den Boden fallen, entwickelt der tödliche Schädling auch im Erdreich um die Bäume seine fatale Wirkung. Von der Wurzel gelangt der Pilz in den Stamm und das Ende der Pflanze ist vorgezeichnet.

Dabei ist die Esche für einen gesunden und funktionstüchtigen Mischwald ein ungemein wichtiger Baum. „Er wirkt als Bodenstabilisator in Graben- und Tobeleinhängen. Er ist der Laubbaum mit der zweitgrößten Verbreitung in Vorarlberg“, bemerkt Amann. Als Nutzbaum mit seinen spezifischen Eigenschaften steht die Esche in einer Reihe mit dem Bergahorn und der Ulme. „Wobei die Ulme auch schon fast ausgestorben ist“, so Amann.

Hoffnung auf robuste Sorten

Was tun gegen das Eschensterben? „Es gibt einen Ansatz, den wir in Österreich nun ernsthaft verfolgen“, berichtet Amann. So werden gesunde, samentragende Eschen von den Waldaufsehern in stark vom Eschensterben bedrohten Beständen gesucht. Die Samen der gesunden Bäume werden zur Aufzucht robuster Bäume benutzt. Nur fünf Prozent aller Eschen in Österreich sind derzeit noch unbeschadet. Deren gesunde Substanz soll den Eschenbestand retten. Das Problem ist die Zeit. Amann schätzt, dass dieses Programm rund 20 Jahre in Anspruch nehmen wird. Andererseits schreitet die Zerstörung der noch vorhandenen Eschen mit rapidem Tempo voran. Innerhalb sehr kurzer Zeit nach dem Befall des Schädlings können die Bäume eingehen.

Zur Bewahrung der Schutzfunktion bestimmter Wälder wird es laut Amann unumgänglich sein, fremde Baumsorten nach Vorarlberg zu importieren, die ähnliche Eigenschaften wie die Esche aufweisen.

Auch sollen nicht alle vom Pilzschädling befallenen Eschen sofort entfernt werden. Amann und Kollegen hoffen nämlich, dass manche von ihnen sich wieder regenerieren können. Das ist jedoch nur an Standorten abseits der von Menschen genutzten Bereiche möglich. Keine Alternative zur Fällung gibt es für jene Bäume, die ein Risiko bedeuten. „Wenn solche Bäume dort stehen, wo sie bei einem allfälligen Einbrechen Menschen oder Sachgüter gefährden, müssen sie natürlich weg“, macht Amann deutlich. Unlängst passierte das zum Beispiel in der Lustenauer Riedstraße, wo im Zusammenhang mit dem Bau der Scheibenbachbrücke zahlreiche Eschen am Straßenrand gefällt wurden. 

In Danzig begann es

Das Weiße Stengelbecherchen wurde vor 15 Jahren im polnischen Hafen von Danzig aus Ostasien eingeschleppt und verbreitete sich im Laufe der Zeit in ganz Europa.

Die Esche ist ein wichtiger Stabilisator für den Waldboden.

Andreas Amann

Wald in Vorarlberg

» Ein Drittel der Landesfläche ist bewaldet; das sind 97.400 Hektar

» 49.000 Hektar sind Schutzwald

» Drei Prozent aller Bäume sind Eschen; das sind knapp 3,5 Millionen Bäume

» 90 Prozent der Eschen sind vom Pilzschädling mehr oder weniger massiv befallen

» Es gibt 6000 Waldeigentümer

» Für 3500 Vorarlberger ist der Wald ihre wirtschaftliche Grundlage