Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Die Sau rauslassen

Vorarlberg / 20.06.2017 • 18:20 Uhr

Aha, da kommt die angehende Braut. Sie schiebt den ausrangierten Kinderwagen, in dem es nicht quietscht und plappert, sondern klimpert. Sie hat sich zwei Schweinsohrwascheln aufgesetzt, aus dem Heck der Dame wackelt ein fröhliches Ringelschwänzchen. Auch ihre Begleiterinnen sehen so aus, als wären sie George Orwells „Farm der Tiere“ entlaufen. Jetzt beugt sich eine über den Kinderwagen – „Ja, Dutzi, Dutzi, mein Schatz“ – und reicht mit spitzen Fingern kleine Fläschchen der Marke „Wilder Willi“ und „Popsy“ in die Runde. Jede nur einen winzigen Schluck. Aber der Treibstoff reicht, um es ins nächste Pub zu schaffen.

Dort trifft der weibliche Junggesellenabschied auf sein männliches Gegenstück. Rein zufällig, versteht sich. Nicht, dass der junge Mann mit gläsernem Blick das ramponierte Ferkelchen heiraten wird. Der ist gut damit beschäftigt, alle Körperflüssigkeiten bei sich zu behalten. Oh, er wird schon vor einen Traualtar treten, wenn er dann wieder sprechen kann und das Schwesternkostüm ausgezogen hat. Heute aber wird das nix mehr. Aus zwei Junggesellenpartys, die aufeinander prallen, erwachsen Gedächtnislücken, nichts weiter.

Wer sich dennoch für einen Augenblick beider spätere Hochzeit vorstellt, mit Brautjungfern und Smoking und Orgelgebraus, der hat mit einem Mal die ganze Bandbreite der menschlichen Existenz vor Augen. Junggesellenabschiede hat es schon im antiken Griechenland gegeben. Das Fest vor der Hochzeit sollte es den Eltern der Braut möglich machen, die Würde des zukünftigen Bräutigams zu bewerten. Dieser Akzent ist zuletzt etwas in den Hintergrund getreten.

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