Daheim in einer Welt voller Stille

Vorarlberg / 22.06.2017 • 18:46 Uhr
Ilse Cirtek mit ihrer Betreuerin Katja Gstach, die regelmäßig auch Hausbesuche macht. Die Frauen verstehen sich bestens.  Foto: vn/mm
Ilse Cirtek mit ihrer Betreuerin Katja Gstach, die regelmäßig auch Hausbesuche macht. Die Frauen verstehen sich bestens. Foto: vn/mm

Landeszentrum für Hörgeschädigte mit Jubiläum. Auch Ilse Cirtek profitiert von der Hilfe.

Bludenz, Dornbirn. Ilse Cirtek (98) artikuliert schöne Sätze. Sätze, die selbst den Beistrich am richtigen Ort erahnen lassen. Dabei ist sie seit beinahe vierzig Jahren völlig taub. Eine Hirnhautentzündung raubte ihr das Gehör. Ein schwerer Schlag für die Frau, die bis dahin Klavierunterricht gab und in einem Orchester mitspielte. Doch die gebürtige Schwäbin hielt sich nicht lange mit Grübeleien auf. Stattdessen beschäftigte sie sich intensiv damit, wie es weitergehen soll. „Nach vorne schauen zu können, empfand ich als Geschenk“, erzählt Ilse Cirtek in fast flüssigen Worten. Ebenso, dass ihr die Sprache erhalten blieb. „Das hat der Arzt meiner Musikalität zugeschrieben“, erklärt sie mit einem Funkeln in den noch immer wachen Augen. Ilse Cirtek hat sich in ihrer stillen Welt gut eingerichtet. Ein wichtiger Begleiter war und ist ihr dabei das Landeszentrum für Hörgeschädigte, das heute Freitag mit einem Festakt sein 40-Jahr-Jubiläum feiert.

Suche nach Betroffenen

Als Ilse Cirtek ertaubte, meinte sie, mit ihrem Handicap allein dazustehen. „Ich kannte keine Gehörlosen.“ Also ging sie auf die Suche. Der entscheidende Hinweis kam schließlich von einem Sehbehinderten. „Er sagte mir, dass es in Dornbirn eine Stelle für Gehörlose gebe“, plaudert die alte Dame munter drauflos. Cirtek fuhr nach Dornbirn und stellte sich dort Ferdinanda Mathis vor. Mathis, selbst Mutter von zwei gehörlosen Kindern, hatte damals gerade ihre Vision von einer Begegnungsstätte für Gehörlose in die Tat umgesetzt. In Dornbirn-Haselstauden war ein Gehörlosenheim entstanden. Bis dahin gab es für hörgeschädigte und gehörlose Menschen absolut nichts im Land. Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde Ferdinanda Mathis später unter anderem mit dem Toni-Russ-Preis der Vorarlberger Nachrichten ausgezeichnet.

Ilse Cirtek bezeichnet das Landeszentrum für Hörgeschädigte (LZH) als Glücksfall. Der Austausch mit Betroffenen half ihr, das ungnädige Schicksal noch besser zu verarbeiten. Sie lernte, von den Lippen anderer zu lesen. Den Alltag gestaltet sie mit Kampfgeist und viel Humor. Die Welt holt sich Ilse Cirtek per Fernsehen ins Haus. „Leider gibt es nur wenige Sendungen mit Untertiteln“, bemängelt sie. Wichtiges lässt sie sich schriftlich geben. Bei Arztbesuchen oder Terminvereinbarungen wird sie von Katja Gstach unterstützt, die als Sozialarbeiterin im LZH tätig ist. „Dank dieser Hilfe kann ich noch sehr selbstständig leben“, bestätigt die rüstige Seniorin dankbar. Inzwischen betreut das LZH mit einem hochqualifizierten Fachteam über 4000 hörgeschädigte Menschen in Vorarlberg. Der heutige Festakt wird unter anderem mit einem Stundenlauf begangen, dessen gesamter Erlös hörgeschädigten Kindern zugutekommt.

40 Jahre LZH

» 1977: Gründung des Gehörlosenheims mit einer Beratungsstelle durch Ferdinanda Mathis

» 1984: Übernahme der Leitung durch Johannes Mathis

» 1989: Gründung einer Schule sowie eines Kindergartens

» 1990 bis heute: Frühförderung für Kinder im Vorschulalter, Schülertransporte, Logopädie, Ergotherapie, Musiktherapie, Akustik bzw. Hörtechnik, HNO-fachärztliche Betreuung, eigener Reittherapiestall mit Kleinkindbetreuung, Dolmetschzentrale