Eine kostspielige Harmonie

Vorarlberg / 03.07.2017 • 18:23 Uhr

Forcierte Angleichung der Kassentarife ist nicht immer zum Vorteil der Versicherten.

Dornbirn. Gleich und gleich ist nicht immer besser. Im Gegenteil. Kleines Beispiel gefällig? In Vorarlberg zahlen Patienten für Krankentransporte derzeit keinen Selbstbehalt. Im Zuge der vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger angekündigten Harmonisierung von Leistungen soll dieser Selbstbehalt aber von allen Gebietskrankenkassen eingehoben werden. „Das würde unsere Versicherten rund 500.000 Euro kosten“, verdeutlicht der Obmann der Vorarlberger Gebietskrankenkasse (VGKK), Manfred Brunner. Es wäre nicht die einzige Leistung, die Vorarlberger Versicherte bei einer Angleichung teuer zu stehen kommen würde.

Mehr für Zeckenimpfung

Schon jetzt zahlt die VGKK in fast allen Bereichen die österreichweit höchsten Zuschüsse. „Außerdem sind bereits 98 Prozent der Leistungen einheitlich geregelt“, ergänzt Manfred Brunner. Unterschiede gibt es noch bei 23 Posten. Nun soll, wie in den VN berichtet, in einem ersten Schritt bei elf dieser Stellen eine Angleichung erfolgen. „Wir unterstützen die Maßnahme dort, wo Versicherte eine jetzt schlechtere Abgeltung erhalten“, sagt Brunner. Wenn es finanziell nach unten geht, hört sich für ihn die Zustimmung jedoch auf. Die Gefahr einer Nivellierung nach unten bezeichnet er als groß. Einfacher Grund: Für viele Kassen wäre eine Anpassung nach oben schlichtweg unfinanzierbar. Die Einigung auf einen Durchschnittstarif wiederum würde den VGKK-Versicherten teilweise Verschlechterungen bringen. Wo sie marginal gewinnen, ist die Zeckenschutzimpfung. Bislang gibt es dafür einen Zuschuss von 3,60 Euro. Künftig beträgt dieser vier Euro. Die zusätzlichen Aufwendungen für die Gebietskrankenkasse betragen etwa 6000 Euro.

Kampf um Familienzuschlag

Beim PSA-Test oder bei Rollstühlen sollen österreichweit die Vorarlberger Tarife gelten. Anders sieht es beim Krankengeld aus. Vorarlberg und Oberösterreich sind die einzigen Bundesländer, in denen zum Krankengeld auch ein Familienzuschlag bezahlt wird. Allerdings liegt dieser in Vorarlberg bei 15 Prozent, in Oberösterreich nur bei zehn Prozent. Die Trägerkonferenz des Hauptverbandes wollte den Zuschlag auf zehn Prozent fixieren, was die Vorarlberger GKK-Versicherten um rund 800.000 Euro gebracht hätte. Nach geharnischten Einwänden gab es für die VGKK eine Ausnahme und es bleibt bei 15 Prozent Familienzuschlag. „Es kann nicht sein, dass es unter dem Deckmantel der Vereinheitlichung zu Leistungskürzungen kommt“, empfiehlt Brunner jenen neo-liberalen Kräften, die diese Forderung immer wieder einmal aufs Tapet bringen, auch die „unerwünschten Nebenwirkungen“ zu beachten. Die Frage der Selbstbehalte für Krankentransporte wurde wegen Gegenwinds aus Vorarlberg von der Trägerkonferenz vorerst zurückgestellt. Eine Entscheidung soll im Herbst fallen. „Verschlechterungen werden wir auf jeden Fall bekämpfen“, kündigt der VGKK-Obmann an.

Finanzielles Ungemach könnte nämlich auch beim kieferorthopädischen Zuschuss drohen, der mit 615 Euro bei einer Fehlstellung der Stufe IOTN 3 in Vorarlberg am höchsten ist. Andere Kassen zahlen lediglich die Hälfte. Durch die Nivellierungsdebatte sieht Manfred Brunner zudem die Innovationsfähigkeit des Vorarlberger Gesundheitssystems gefährdet. „Leistungsunterschiede sind nämlich auch Ausdruck von Fortschritt“, meint er. Und: „Wir lassen es uns nicht nehmen, gute Dinge schneller umzusetzen.“

Wir unterstützen die Maßnahme dort, wo Versicherte jetzt eine schlechtere Abgeltung erhalten.

Manfred Brunner