Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

So was von frei

Vorarlberg / 04.07.2017 • 21:32 Uhr

Pfui, das ist jetzt wirklich kein tauglicher Gedanke für die letzten Schultage! Als kratzten Fingernägel über eine Schiefertafel: Kinder lassen den Gameboy fallen, Jugendliche drehen verwirrt den Technosound leiser. Und doch ist es wahr: Ferien sind eine Erfindung neueren Datums.

Die Unterscheidung von Tätigkeit und freien Tagen ist derart jung, dass der Sohn des letzten Kaisers von Österreich, Otto Habsburg, sich noch gut an seinen allerersten Ferientag erinnern konnte. Der wurde ihm im Exil zuteil, wo ihn seine Mutter zum künftigen Kaiser erziehen ließ. Das bedeutete u. a. das Erlernen aller Sprachen der Donaumonarchie zuzüglich Altgriechisch und Latein, versteht sich. Hauslehrer sorgten dafür, dass das Kind den altösterreichischen und den altungarischen Stundenplan eines Gymnasiums nebeneinander absolvierte. Bis schließlich eine Gourvernante die Frau Mama so lange um Erlaubnis bat, bis sie dem Jungen im Sommer ein Spurenelement von Ferien zugestand. Ein, zwei Tage … himmlisch!

Als der über Neunzigjährige diese Geschichte in ein Interview einstreute, umspielte ein versöhntes Lächeln seine Lippen. Die Mama hatte ihre Gründe und überhaupt: Er stammte ja aus einer Zeit, in der Lernen und Freude noch eng miteinander verflochten waren. Also lange vor der Freizeitkultur. Nein, solcherlei wirres Zeug taugt nicht zum Schulschluss. Aber wenn sich eine Woche nach Ferienbeginn die erste Langeweile schläfrig ins Kinderzimmer legt und die Eltern mit Grausen dem großen Rest entgegensehen, dann lohnt sich der Gedanke. Man kann sich geradezu daran erwärmen, dass einzelne freie Tage einmal so kostbar waren.

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