Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Lust auf Gewitter

Vorarlberg / 11.07.2017 • 20:49 Uhr

Die große Hitze lastet auf dem Land. Noch vor dem ersten Tageslicht taumeln die Menschen aus ihren Betten, schließen die Fensterläden und halten sie den ganzen Tag über peinlichst geschlossen, um so ein klein wenig von der kühlen Nacht gefangen zu halten. Aber so groß ist der Unterschied gar nicht. Oder hat man sich nicht schlaflos hin und her gewälzt und selbst das dünne Laken noch als Belastung empfunden?

Solche Tage kennen nur eine Erlösung: Sie lässt sich als diffuser grauer Fleck am Horizont erahnen, wächst rasch zu einem Wolkenturmgebirge heran. Noch ein Wimpernschlag, dann brechen Blitz und Donner den schwülen Bann, Regen prasselt herab. Wie hat man das ersehnt! Ein kühler Wind peitscht die anschwellenden Regenböen in die Büsche. Es ist eine Lust.

Später mischt sich Sirenengeheul ins Getöse. Noch später wird man lesen, dass die Erlösung von der Hitze wüste Züge trug. Das hätte man wissen können. Aber in der großen Bedürftigkeit hatte man ausgeblendet, was so ein Gewitter anrichten kann. Vor dem ersten Weltkrieg, dessen 100-jähriges Gedenken von der Gegenwart mit Trump, IS und Klima längst ins Abseits gedonnert wurde, soll es ja ganz ähnlich gewesen sein. Alle erwarteten den Sturm. Viele wünschten ihn herbei. Nur wenige dachten an die Folgen. Wie liest sich der 12. Juli 1917 im österreichischen Heeresbericht? „Auf dem kleinen Colbricon drangen unsere Sturmabteilungen in die feindliche Stellung ein, machten die Besatzung nieder, sprengten große Mengen italienischer Munition und kehrten mit Gefangenen zurück.“

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