Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Das Leben ist nicht zu besiegen

Vorarlberg / 22.08.2017 • 19:28 Uhr

So mild zieht der Abend über den See, als wollte er der Sommerhitze vorsichtig ein paar Mußestunden schmackhaft machen. Den beiden Männern jedenfalls, die sich über den Gartenzaun hinweg lebhaft unterhalten, hat er noch keine T-Shirts angedeihen lassen. Eine Rasselbande von Kindern läuft quietschend und giggelnd die Straße herab, verfolgt vom argwöhnischen Blick des jätenden Pensionisten und einer mütterlichen Stimme, die dem Martin eindringlich nahelegt, endlich ins Haus zu kommen. Aber der Martin denkt nicht dran. Es ist Sommer. Nur das zählt.

Achtlos hat der Wind ein paar Zeitungsseiten am Straßenrand liegen lassen, die noch immer atemlos aus einer ganz anderen Welt berichten. Vom Terror, von Mord und Totschlag und von einem Fest, das der Sturm in ein Grab verwandelt hat. Vom mordlüsternen Prediger und verblendeten Jungen. Die Wörter „Drama“, „Verletzte“ und „Horror“ kann man entziffern. Die „Toten“ sind schon ganz zerknittert. Werden aber morgen wieder auferstehen, auf dem nächsten Titelblatt. So viel scheint sicher.

Die Kinder sehen das nicht, weil die Mutter inzwischen selber auf den Plan getreten ist. Aber das Zittern in ihrer Stimme straft ihren strengen Ton Lügen. Schon nach wenigen Minuten stiebt die Meute davon mit Hurragebrüll, weil eine köstliche weitere Viertelstunde als Verhandlungsergebnis im Augenblick mehr wiegt als Weihnachten und Ostern zusammen. Selbst der alte Herr im Garten kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, ehe er den Spaten erneut ins Erdreich sticht. Dort, wo die Verrückten zuschlagen, regiert für ein paar schreckliche Augenblicke der Tod. Aber in Millionen Straßen wie dieser triumphiert das Leben. Das Leben ist nicht zu besiegen.