Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Des Kaisers neue Kleider

Vorarlberg / 24.10.2017 • 19:17 Uhr

Ist das nicht im Grunde ein erbärmlicher Trend, der die Form über den Inhalt triumphieren lässt? Es kommt längst nicht mehr darauf an, was einer tut, sondern nur, wie er es tut. Deshalb ermüden wir auch nicht beim Durchackern von Parteiprogrammen, sondern ergötzen uns an den – ach Gott – so slimfit auftretenden Kandidaten.

Alle darstellenden Berufe kranken daran. Die Massen hecheln den jungen Damen hinterher, die außer einem wogenden Heck und ausladenden Aufbauten den sprachgewandten Vertretern der wirklichen Kunst nichts entgegenzusetzen haben. Sie können nichts, gar nichts – außer in die Kameras lächeln und verwechseln dabei oft genug ordinär mit verführerisch.

Nein, diese Zeit gehört einem Menschentypus, der die Inszenierung vergöttert. Dabei kann es leicht sein, dass im Unterholz der Selfiestickwälder längst das unschuldige Kind aus dem Märchen von Hans Christian Andersen unterwegs ist, das die ganze Gesellschaft eines Tages wie den selbstverliebten Kaiser als nackt entlarvt. Aber werden wir ihm glauben?

Thomas Matt

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