Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Schwerelos

Vorarlberg / 31.10.2017 • 19:05 Uhr

Das Kind mag es kaum glauben. Reihum nichts als gelangweilte Gesichter. Finger blättern fahrlässig in Zeitungen. Augen bleiben geschlossen, weil ihr Besitzer sich ganz seinen Ohrstöpseln überlassen hat. Beiläufiges Gemurmel.

Niemand schenkt den Stewardessen Beachtung. Dabei sind die schön wie Prinzessinnen, und das Kind liebt sie alle. Denn das Kind fliegt zum ersten Mal. Es zählt nicht zu den professionellen Achtjährigen, auf die gerade noch ein Jumbojet Eindruck macht. Das Kind besitzt vermutlich auch keine Kreditkarte und vielleicht nicht einmal ein Handy.

Aber es hat wache Augen. Der ganze kleine Körper spannt sich wie eine Feder, als das Flugzeug aus der Parkposition rollt. Kein Rütteln, kein Fauchen entgeht dem Kind, und als der Schub der Triebwerke den kleinen Menschen in den Sitz drückt, entfährt ihm ein Jauchzer der Begeisterung. Die Mutter erbittet Ruhe. Sie umklammert die Lehne. Ihre Knöchel treten weiß hervor. Die Mutter fliegt nicht so gern. Das Kind aber erfährt zum ersten Mal, was es heißt, der eigenen Schwere zu entkommen.

Thomas Matt

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