Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Am Rand

Vorarlberg / 23.01.2018 • 18:42 Uhr

Die Kleine blickt die Passanten unverwandt aus großen Augen an. Ihr rosafarbenes Kleid wirkt abgetragen. Ihre Schuhe hat sie ordentlich nebeneinander vor die Matratze gestellt. Auf dieser Matratze am Eingang eines Einkaufszentrums liegt eine junge Frau. Sie hält ein Baby im Arm. Ihr Blick bleibt teilnahmslos.

An dieser Stelle einer großen Avenida von Buenos Aires gehen täglich Zigtausend Menschen vorbei. Zwischen den Polizisten, die hier tagsüber Wachdienst verrichten, und den Bewohnern der Matratze herrscht eine stille Übereinkunft. Machmal wirft ein Büroangestellter im Vorübereilen einen zerknitterten Geldschein oder Münzen neben die Matratze. Dann hebt das Kind sie auf.

Am Abend kommt der Vater. Er hat Essen mitgebracht. Seine sehnigen Arme und der früh gealterte Körper lassen den Tagelöhner erahnen. Als die Familie sich spät schlafen legt, schützt er sie mit einem Karton vor den Blicken der Passanten, die jetzt in die hell erleuchteten Bars und Clubs der Großstadt strömen.

Thomas Matt

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