Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Der Friede der einen

Vorarlberg / 13.03.2018 • 18:21 Uhr

Mahnende Worte – wie eine leise Begleitmusik in Moll schwingen sie das ganze Jahr 2018 hindurch, weil die Republik sich heuer so umfassend erinnern soll: an das Kriegsende von 1918, die Herrschaft der Nazis ab 1938 und an die schleichende Entwicklung dazwischen. Mit anderen Worten: Wir reden über Nachbarschaft.

Sie wird in den Ansprachen vielleicht nicht so viel Beachtung finden. Aber sie ist immer die Keimzelle: fürs friedvolle Miteinander wie für die Katastrophe. Gewiss, die Diktatur trat in Paraden auf. In geschrienen Reden und im tosenden Beifall. Zeitzeugen erzählen von „unübersehbaren Menschenmassen“. Aber war es die Mehrheit?

Oder ging die Mehrheit weiter ihren Geschäften nach und sah zu, wie sie irgendwie durchkommen würde? Schloss die Haustür abends hinter sich und empfand das kleine Glück, dass sie wieder einen Tag lang verschont geblieben war. Schlug der Blitz beim Nachbarn ein, bezahlten sie ihren Frieden mit dem Verderben der anderen. Wer über das 1938er-Jahr spricht, redet auch über die Nachbarschaft. Sie zerbricht als erstes, an Missgunst und an der eigenen Angst. Das „Nie wieder“ verbietet sich auf dieser untersten Ebene, denn dieses Drama wiederholt sich bis heute x-fach an jedem Tag.

Thomas Matt

redaktion@vn.at