Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Je später der Abend

Vorarlberg / 22.05.2018 • 18:36 Uhr

… und dann sprach man plötzlich über Gott. Er war – wie soll man sagen – gar nicht eingeladen. Man hatte schon ein wenig getrunken, viel gelacht. Der Abend war, wie der Tag in die Dämmerung, unversehens in eine schweigsame Ernsthaftigkeit gekippt. Die junge Frau nahm ihr Glas von den Lippen, dann sagte sie, so nebenhin, dass sie mit all dem gar nichts anfangen könne: Weder mit Religion, noch mit all der religiös verbrämten Gewalt, schon gar nicht mit Gott. Und da war er also ganz unerwartet – wenngleich zu Pfingsten – für eine halbe Stunde Hauptdarsteller der geselligen Runde.

Es gibt ja immer einen, der widerspricht. Also nahm das Gespräch rasch Fahrt auf. Schauderte vor Religionskriegen und berührte zweifelnd den Begriff der Nächstenliebe, las in finsteren Hasstiraden Heiliger Bücher und verstummte berührt vor der Bergpredigt.

Das Thema wechselte dann wieder. Natürlich ohne Auflösung. Es hat auch niemand den anderen bekehrt. Aber zugehört hat man einander und sich verstanden. Und das zu Pfingsten, an einem frühsommerlichen Abend, lau und verheißungsvoll.

Thomas Matt

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