Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Wem körsch etz du?

11.03.2019 • 20:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich saß in der Straßenbahn, am Heimweg von einer Veranstaltung zum Frauentag, bei unserem Herrn Bundespräsidenten und seiner Frau, es war sehr feierlich. Die Frauenministerin hat am Frauentag nichts gemacht, war für sie wohl kein besonderer Tag. Für mich und die anderen Frauen, die sich bei UHBP dort getroffen haben, schon. Egal, darum geht es hier gar nicht. Ich war nur gut gelaunt, als ich beim Parlament in die Straßenbahn stieg, einen Platz fand und mir gerade die Kopfhörer aufsetzen wollte. Da hörte ich es, ein paar Reihen hinter mir: „Ghörig knüll bin i gsi, gesch han is denn gear ned id Vorlesung gschafft.“

Ich setzte den Kopfhörer nicht auf. Ich bin jetzt schon so lange in Wien, und ich weiß, dass es noch zwanzig- oder dreißigtausend andere Vorarlbergerinnen und Vorarlberger hier gibt, Wien gilt schließlich als zweitgrößte Vorarlberger Stadt. Aber wenn ich in der Straßenbahn sitze und den Dialekt höre, verspüre ich jedesmal den kaum zu unterdrückenden Drang, aufzustehen und mich als Landsfrau zu erkennen zu geben: Seawas! Weam körsch etz du? Ich konnte mich bisher zum Glück immer noch zurück halten. Man muss sich das vorstellen, eine wildfremde Frau, die in der Bim auf einen zusteuert und einen grinsend anspricht, im Oberländer Dialekt, was isch etz mit dera, dia muass varuckt sie. Abgesehen davon, dass mir Fremde ansprechen grundsätzlich vollkommen fremd ist, und ich auch deshalb immer mit Kopfhörern unterwegs bin, damit das bloß niemand bei mir einfällt.

Erkennen sich zwei Vorarlberger in der Fremde, sprechen sie Vorarlbergerisch, sofort.

Aber trotzdem. Jedes Mal, wenn ich Ländle-Dialekt in der Strassenbahn oder woanders höre, fühle ich mich ein bisschen vertrauter als sonst, auch wenn ich mich schon so viele Jahre so wohl und daheim fühle in dieser Großstadt. Und es ist ja nicht so, dass ich hier in der Wienerstadt nie Xibergerisch höre oder spreche, man hat ja immer viele Freundinnen und Freunde aus der alten Heimat. Meine Wiener Haberer jedenfalls behaupten, ich bräuchten einen anderen Vorarlberger nur von der Weite erkennen, schon würde ich mitten im Gespräch auf Xibergerisch umstellen. Dasselbe, wenn ich den Namen eines Familienmitgliedes auf meinen Handydisplay aufleuchten sähe. Stimmt gar nicht! Obwohl, stimmt vermutlich doch: Erkennen sich zwei Vorarlberger in der Fremde, sprechen sie Vorarlbergerisch, sofort. Und sie duzen sich natürlich, weil: eh. Irgendwie kennt man sich doch, oder kört jedenfalls jemand, der jemand kört, der jemand kennt, der jemand kört, dem der do kört.
Ich setzte meinen Kopfhörer wieder auf, und der in der Straßenbahn stieg dann aus, ungestört

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel. Ihr neuer Roman „weg“ (Rowohlt Berlin) ist ab heute im Buchhandel erhältlich. Am 3. April liest sie daraus im Landestheater Vorarlberg.