VN-Oster-Serie: Einmal mit ihm am Tisch sitzen

Um Jesu Platz am Abendmahl herrscht seit jeher erstaunliches Gedränge.
Schwarzach Es kursiert bis heute in unzähligen Varianten. Ob nun das Wandgemälde von Leonardo da Vinci im Speisesaal eines Mailänder Dominikanerklosters den Besuchern „Ahs“ und „Ohs“ entlockt oder die Bregenzerwälder Fotokünstlerin Marianne Greber brasilianische Transgender-Prostituierte um einen langen Tisch versammelt, nie duldet das Bild den geringsten Zweifel: Zitiert wird die Szene, in der Jesus von Nazareth seine engsten Vertrauten versammelt und sein Vermächtnis spricht. Der Gründonnerstag. Dieses Herzstück des christlichen Glaubens wird in der katholischen Messe und im evangelischen Abendmahl bis heute gefeiert. Ganz Jesu Auftrag getreu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“
Moderne „Varianten“
Die Szene ist freilich viel zu präsent im kollektiven Gedächtnis, als dass man immer respektvoll mit ihr umgegangen wäre. Aktuell setzen irische Buchmacher in ihrer Onlinewerbung einen pokernden Jesus in die Bildmitte. Firmen wie VW und der Designer Otto Kern haben schon vor zehn Jahren das Abendmahl-Motiv für ihre Werbekampagnen verfremdet. Die Zeichentrickfigur Homer Simpson hat die Rolle des Jesus ebenso eingenommen wie sogar der ehemalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß in einer politischen Satire.
Geht denn das? Es ging auch früher. Wenngleich mit anderem Anspruch. Zu allen Zeiten stellten sich Menschen ins attraktive Umfeld. Als Stifter zieren sie ein Bauwerk, ein Glasfenster oder ein Altarbild, das sie schließlich bezahlt haben. Oder sie bringen eine ganze Zeitenwende zum Ausdruck, wie das Lucas Cranach der Jüngere 1565 im Dessauer Abendmahlsbild tat, das auch einen berühmten Vorarlberger an die Seite Jesu stellt.
Im „Rom der Protestanten“
Als er das Bild im Auftrag der Fürstenfamilie von Anhalt malt, ist Cranach gerade Bürgermeister in Wittenberg geworden. Die Reformation ist noch keine 50 Jahre alt, aber Wittenberg hat als das „Rom der Protestanten“ von der neuen Bewegung viel profitiert. Der 2000-Einwohner-Ort wächst. Der Handel floriert. Eine städtische Trinkwasseraufbereitung wird errichtet und ein neues Rathaus. Die Schriften der Reformatoren überschwemmen ganz Europa. Heute würde jeder Marketingexperte vor Neid erblassen. Aber noch ist der Kampf nicht gewonnen. Noch bedroht Krieg die neue Freiheit. In dieser Zeit malt Cranach seine ganz persönliche Form des Abendmahls.
Er verlegt es in einen Renaissancesaal des Dessauer Schlosses. Christus sitzt in der Mitte. Direkt hinter ihm ragt eine Säule zur Decke, die weniger die Decke stützt als das Zentrum des Glaubens betont. Statt der Apostel sitzen die bekanntesten Reformatoren am Tisch: Martin Luther natürlich und Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen und Justus Jonas. Und Bartholomäus Bernhardi aus Schlins in Vorarlberg.
Der hat mit Martin Luther 1499 die Eisenacher Lateinschule besucht. Hat auch in Wittenberg studiert, wo Luther von 1511 an lehrte. Wurde wie er Augustiner Mönch. Und brach wie Luther später sein Gelübde. Der Vorarlberger wurde der erste Reformpfarrer der neuen Bewegung und hat durch seine Ehe mit Gertraude Pannier die erste evangelische Pfarrfamilie begründet, der sieben Kinder geschenkt wurden. Bernhardi heiratet Gertraude vier Jahre früher als Luther seine Katharina von Bora.
Der Schlinser Reformator hat viel erdulden müssen. Als im Schmalkaldischen Krieg spanische Truppen Wittenberg erobern, wird er gefoltert, aufgehängt und von einem Berittenen meilenweit ins kaiserliche Heerlager geschleift. Er überlebt und bleibt standhaft. Bernhardi stirbt erst Jahre später, 1551.
Das Gemälde, dessen Teil er ist, hängt heute im Altarraum der Dessauer Johanniskirche. Im Grunde wirkt es wie ein Gruppenfoto der wichtigsten mitteldeutschen Reformatoren und Mitglieder des Fürstenhauses Anhalt von 1565. Mit Christus als Dreh- und Angelpunkt ihrer Welt.