Es begann mit einem Dorf für 40 Kinder

Vorarlberg / 25.04.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
1952 zogen die ersten Kinder ins erste SOS-Kinderdorf in Imst ein. SOS-Kinderdorf

Der 25. April 1949 war die Geburtsstunde von Hermann Gmeiners SOS-Kinderdörfern.

Heidi Rinke-Jarosch

Innsbruck, Alberschwende „Red´s net, tuat´s was“, war das Motto von Hermann Gmeiner. Es wurde zum Motor und Erfolgsgeheimnis der SOS-Kinderdorf-Arbeit, die heute vor 70 Jahren in Tirol begonnen hat.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand in Innsbruck eine Gruppe junger Leute zusammen, die Ideen und Visionen sammelten, um die Not vieler Nachkriegskinder zu lindern. Die Gruppe bestand aus Hermann Gmeiner, Bauernsohn und Medizinstudent aus Alberschwende im Bregenzerwald, seinen Studienkollegen Josef Jestl, Ludwig Kögl, Herbert Pfanner und Franz Müller sowie den Aktivistinnen Maria Hofer, Herta Troger, Hedwig Weingartner und Helene Didl.

Kriegsfolgen in Erinnerung

Hermann Gmeiner war damals 30 Jahre alt. Dem Vorarlberger, der als sechstes von neun Kindern in einer Bergbauernfamilie in Alberschwende aufgewachsen ist, waren die Folgen des Ersten Weltkriegs, insbesondere für die Kinder und Jugendlichen, noch gut in Erinnerung. Außerdem starb seine Mutter, als er fünf Jahre alt war. Von da an musste seine älteste Schwester Elsa für die Kinder sorgen. So engagierte sich Gmeiner neben seinem Studium in der Jugendarbeit. Er leitete die Dekanatsjugend Innsbruck und wurde auf diese Weise mit dem Elend vieler Kriegswaisen konfrontiert.

Vor 70 Jahren wurde in Imst das erste SOS-Kinderdorf gebaut. SOS-Kinderdorf
Vor 70 Jahren wurde in Imst das erste SOS-Kinderdorf gebaut. SOS-Kinderdorf

Am 25. April 1949 gründete er in Innsbruck mit seinen engagierten Kollegen den Verein „Societas Socialis“. Gmeiners Ziel war es, „der drohenden Gefahr, die in der Schutzlosigkeit vieler Kinder liegt, mit einer konkreten Tat entgegenzutreten“.

Ein paar Wochen nach der Vereinsgründung wurde die Idee geboren, ein SOS-Kinderdorf für Kriegswaisen zu bauen. Die einzige von zehn Gemeinden, die auf ein Schreiben von Gmeiner reagierte und ein Grundstück für den Bau eines solchen Heims günstig zur Verfügung stellte, war Imst.

Gmeiner hatte allerdings nur 600 Schilling Startkapital. Maria Hofer half aus. Durch den Verkauf eines Grundstücks stellte sie Gmeiner 50.000 Schilling zur Verfügung. Damit konnten der Grund in Imst gekauft und erste Spendenaufrufe finanziert werden.

Helene Didl, Maria Hofer, Hermann Gmeiner und Walter Gstrein vom  Verein „Societas Socialis" planten den Bau eines SOS-Kinderdorfs. SOS-KinderdorF
Helene Didl, Maria Hofer, Hermann Gmeiner und Walter Gstrein vom Verein „Societas Socialis“ planten den Bau eines SOS-Kinderdorfs. SOS-KinderdorF

Mit Flugblättern, Infobroschüren und persönlichen Gesprächen brachte Gmeiner seine Botschaft unter die Leute und erhielt die nötigen Mittel für den Bau des ersten SOS-Kinderdorfs. Innerhalb weniger Monate stand der Rohbau für das erste Gebäude, das Haus „Frieden“. Am 2. Dezember 1949 fand die Firstfeier statt. Noch am selben Tag erfolgte der Spatenstich für den Bau von vier weiteren Häusern.

Am 28. Mai 1950 wurde die „Societas Socialis“ in den Verein „SOS-Kinderdorf“ eingegliedert.  Im Jahr darauf zogen 40 Kriegswaisen im ersten SOS-Kinderdorf der Welt ein. 1952 betreuten sieben SOS-Kinderdorf-Mütter knapp 70 Kinder. Zwei Jahre später waren es mit 130 fast doppelt so viele.

Gmeiners Erbe

Heute, 70 Jahre später, ist Gmeiners Erbe eine private, religiös und politisch unabhängige internationale Organisation, die in 135 Ländern mit 572 SOS-Kinderdörfern tätig ist und weltweit 600.000 notleidende Kinder, Jugendliche und Familien betreut. Hermann Gmeiner, der 1980 mit dem Toni-Russ-Preis ausgezeichnet wurde, starb am 26. April 1986 im Alter von 67 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Auf eigenen Wunsch wurde Gmeiner in einem Grab auf dem Gelände des SOS-Kinderdorfs in Imst beigesetzt.

SOS Kinderdorf in Vorarlberg einst und heute

In Vorarlberg ist SOS-Kinderdorf seit 1957 vertreten. Das SOS-Kinderdorf am Knieberg in Dornbirn wurde am 26. Juni 1966 mit Gründer Hermann Gmeiner und dem damaligen Landeshauptmann Herbert Kessler eröffnet. In den ersten 40 Jahren sind rund 500 Kinder und Jugendliche in SOS-Kinderdorf-Einrichtungen aufgewachsen. Ende 2014 wurde das SOS-Kinderdorf in Dornbirn aufgelöst, die 17 Häuser wurden abgerissen. Die Organisation besteht jedoch im Land weiter. Heute richtet SOS Kinderdorf in Vorarlberg den Fokus auf die Jugendarbeit. In den Einrichtungen Jugendwohnen Dornbirn und Bregenz, Betreutes Außenwohnen und Betreutes Außenwohnen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden derzeit landesweit 43 Jugendliche betreut.

Familienleben in einem SOS-Kinderdorf heute, 70 Jahre nach der Gründung. SOS-Kinderdorf
Familienleben in einem SOS-Kinderdorf heute, 70 Jahre nach der Gründung. SOS-Kinderdorf