Bienenforscher Schiffer: Man hat die Bienen ihrer natürlichen Lebensbedingungen beraubt

03.05.2019 • 19:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bienenforscher Torben Schiffer (l.) im VN-Interview. An der Universität Würzburg forscht er über die honigproduzierenden Insekten.LÄSSER

Die moderne Imkerei mit ihren Methoden ist schuld am massiven Bienensterben, sagt der Experte.

Torben Schiffer (43) gilt als einer der Stars der Bienenforschung im deutschsprachigen Raum. Seit Jahren beschäftigt sich der an der Universität Würzburg tätige gebürtige Hamburger mit den Ursachen für das Massensterben der Bienen in Europa und der Welt. Seine klare Erkenntnis: Die Honigbienen sterben, weil man ihnen ihre natürliche Lebensweise genommen hat. Die Gier der Menschen nach Honig hat dessen Produzenten nachhaltig geschwächt.

Geht es den Bienen wirklich so schlecht?

Es geht den Honigbienen nicht gut. Und das will ich nicht auf einen bestimmten Raum beschränken. Den Wildbienen geht es besser

Warum ist das so?

Das Problem ist die moderne Imkerei. Sie hat den Bienen ihre natürlichen Lebensbedingungen geraubt. Das Auftreten der Varroa-Milbe ist eine Symptomerscheinung der modernen Imkerei. Jede Spezies hat ihre besondere ökologische Nische besetzt. Diese Nische hat man den Bienen geraubt, wenn sie in Kisten statt in der Natur leben müssen. Die Varroa-Milbe würde unter natürlichen Bedingungen eine untergeordnete Rolle spielen.

Wie unterschiedlich sind die Lebensbedingungen in einem typischen Imker-Bienenhaus und der Natur?

Bienen in einer herkömmlichen Kiste brauchen pro Jahr 300 Kilo Honig, in der Natur brauchen sie zehnmal weniger. Sie müssen 35 Millionen Stunden arbeiten, um die lebensnotwendige Wärme zu erhalten. Bienen in derselben Zahl unter natürlichen Lebensbedingungen brauchen dafür 11,3 Millionen Stunden, weil deren natürliche Behausung viel wärmer ist und sie darin die Wärme besser speichern können.

Was unterscheidet eine natürliche Bienenbehausung von einem Imker-Stock?

Sie ist artgerecht und daher kleiner. Bienen schaffen sich darin ihr eigenes Klimasystem. Herkömmliche Bienenhäuser sind zu groß, dadurch geht Wärme verloren. Die Bienen müssen viel mehr für die Wärme arbeiten.

Sie beschwören die artgerechte, natürliche Bienenhaltung. Was kann man von der Natur lernen?

Wir lernen vor allem, dass wir uns immer mehr von der Biologie entfernt haben. Ich realisiere das durch meine Arbeit, die darin besteht, die natürlichen Lebensbedingungen der Bienen zu studieren.

Warum sind die Bienen in unserem Ökosystem so wichtig?

Weil sie eine sogenannte systemrelevante Schlüsselspezies sind. Wir brauchen sie im Ökosystem, sind von ihnen abhängig. Aber wir halten sie artfremd und haben uns nicht darum gekümmert, wie sie natürlich leben.

Wenn man Ihnen so zuhört, dann müsste man zum Schluss kommen, dass Menschen gar keine Bienen mehr halten sollten.

Nein, es gibt natürliche Methoden der Haltung. Dazu gehört aber auch eine deutliche Reduktion des Honigertrags für uns. Jede Honigentnahme ist eigentlich eine Schädigung der Bienen. Geringen Schaden halten sie aus.

Dringen Sie mit Ihren Erkenntnissen bei Bienenhaltern durch?

Ja, das darf ich so sagen. Man rennt mir nicht nur die Tür ein, ich werde sogar durchgestoßen. Es gibt viele Bienenhalter, denen es vor allem um die Bienen und nicht um den Honigertrag geht.

Torben Schiffer

Der Wissenschaftler studierte Biologie und arbeitet seit einigen Jahren an der Universität Würzburg. Dort erforscht er die natürlichen Lebensbedingungen von Bienen. Das Projekt nennt sich HOBOS (Honey Bee Online Studies). Das Interesse an Bienen hat Schiffer von seinem Großvater.

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