Betrugsfall Gemeindeinformatik: Wie die Beschuldigte Millionen verschwinden ließ

Vorarlberg / 24.05.2019 • 18:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
3,1 Millionen Euro in der Gemeindeinformatik veruntreut: Die polizeilichen Ermittlungen wurden vor wenigen Tagen abgeschlossen.

Ex-Buchhalterin sagte vor der Polizei aus, ihre Rechtsvertreter orten totales Versagen der Kontrollmechanismen.

Dornbirn Der spektakuläre Fall erschütterte nicht nur die Gemeindeinformatik GmbH in Dornbirn selbst, sondern auch ihre 96 Vorarlberger Mitgesellschafter, eben die Gemeinden: Eine langjährige Buchhalterin der Gemeindeinformatik soll im Laufe von 20 Jahren sagenhafte 3,1 Millionen Euro vom Geschäftskonto auf ihr Privatkonto abgezweigt haben. Damit bereicherte sich die Beschuldigte täglich um durchschnittlich 425 Euro. Bis ihre Privatbank stutzig wurde und die Malversationen auffliegen ließ.

Ermittlungen abgeschlossen

Anfang dieser Woche wurden die kriminalpolizeilichen Ermittlungen abgeschlossen und der Staatsanwaltschaft Feldkirch übergeben. Die geständige Beschuldigte fand in der Bregenzer Anwaltskanzlei Reiterer/Ulmer ihre Rechtsvertretung.

Mehrere Tatmotive

Die ehemalige Buchhalterin gab in ihrer Beschuldigteneinvernahme durch das Landeskriminalamt gleich mehrere Tatmotive an: „Schwere psychische Probleme“, „den Drang, andere zu beschenken“, „durch mehr Geld ein besseres, schöneres Gefühl zu haben“ und schlussendlich „durch Einkaufen den Depressionen zu entfliehen“, so lauteten sie. Anwalt Florin Reiterer springt für seine Mandantin in die Bresche: „Sie ist geständig, hat bei der Aufklärung der Straftaten lückenlos mitgewirkt und wollte von Beginn an Schadenswiedergutmachung leisten, also alles wieder zurückzahlen.“

Nicht leicht bei einer Schadenssumme von 3,1 Millionen Euro. Doch wie ging sie vor, wie bewerkstelligte sie diese Veruntreuung und das noch völlig unbemerkt? Die Gemeindeinformatik versuchte das erst kürzlich und öffentlich aus ihrer eigenen Sicht zu erklären: „Sie (die Verdächtige) hat mit hoher krimineller Energie ein trickreiches System einer Scheinbuchhaltung geschaffen, in dem die Salden und Bilanzen und Abrechnungen immer gestimmt haben.“

„Davon kann keine Rede sein“ kommentiert hingegen Anwalt Reiterer, der bei der polizeilichen Vernehmung der Beschuldigten persönlich anwesend war. Er und sein Kollege Martin Ulmer analysieren die Ursachen des unheilvollen Konstrukts vielmehr als ein totales Versagen der Kontrollmechanismen. Die ehemalige Buchhalterin sei denkbar simpel vorgegangen. Da gab es Aufträge seitens der Gemeinden an die GmbH in Dornbirn im IT (Informationstechnologie)-Bereich, beispielsweise von Beratungen bis zur Anschaffung von Computern. „Unsere Mandantin hat die jeweiligen Aufträge ausgeführt und die Gemeinden bezahlten auf das Geschäftskonto, doch nicht alle Eingangszahlungen wurden von der Betreffenden gebucht. Die Beschuldigte hat diese nach Einlangen auf das Geschäftskonto auf ihr Privatkonto weitergeleitet. Die Forderungen wurden trotz Bezahlung stehen gelassen bzw. nicht gebucht und als offene Forderung in die Bilanz aufgenommen“, sagen Reiterer und Ulmer. 

„Nichts versteckt“

 „Versteckt in der Buchhaltung habe ich nichts“ und „es gab kein System, nach dem ich dies verschleiert habe“ und „es war auch so, dass ich Forderungen offen stehen lassen habe in der Buchhaltung, dies ergibt auch eine Nachschau im Firmenbuch“, erklärte sie bei der Vernehmung.

„Es gab kein System, nach dem ich dies verschleiert habe.“

Beschuldigte Ex-Buchhalterin

So haben die Gemeinden als ahnungslose Mitgesellschafter die Rechnungen zwar bezahlt, doch in den den VN vorliegenden Jahresbilanzen der Gemeindeinformatik scheinen unübersehbare Differenzen auf. Da tun sich – man sehe und staune – vor den Augen klaffende Lücken von Eurosummen zwischen Forderungen und tatsächlicher Bilanz auf. Nur ein Beispiel aus dem Jahr 2017: In einem Auszug aus der Jahresbilanz wird als „Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände“ die Summe von 967.646,80 Euro angeführt, im Vorjahr betrugen die Aktiva 685.913,24 Euro. Die vermutlich veruntreute Differenz beträgt demnach 281.733,56 Euro.

So ging das Jahr für Jahr. „Das hätte auffallen müssen“, empören sich Reiterer und Ulmer: „Es hat den Anschein, als ob hier niemand Bilanzen lesen konnte. Weder die Gemeinden als Mitgesellschafter, welche die Bilanzen jährlich zugestellt bekamen, noch die Gemeindeinformatik selbst oder die jährlichen Wirtschaftsprüfer.“