Gasthofsterben in Vorarlberg: Wie sich Pächter- und Personalsuche auswirken

Vorarlberg / 01.06.2019 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
In Übersaxen hat es geklappt: Michael Dinicu (l.) übernimmt die Krone. Bürgermeister Rainer Duelli freut sich. VN/LERCH

Pächternachfolge und Betriebsübergaben von Gasthäusern gestalten sich oft schwierig. Wo sie trotzdem geglückt ist und wo noch gesucht wird, zeigt der zweite Teil der VN-Serie.

Meiningen, Übersaxen Wirft man dieser Tage einen Blick auf die Angebote leer stehender Gasthöfe oder Restaurants, mangelt es nicht an Auswahl. Da wäre zum Beispiel das alte Gasthaus Krone in Lauterach oder das ehemalige Gasthaus Kreuz in Wolfurt. In Tschagguns gäbe es für Interessierte gar einen Gasthof samt elf Gästezimmern zu kaufen.

Schauplatzwechsel nach Meiningen. „Unser Restaurant bleibt bis auf Weiteres geschlossen! Ein neuer Pächter wird gesucht“, prangt auf einem Blatt Papier, das an der Eingangstür des alteingesessenen Tannenhofs in Meiningen hängt. Innen eine gemütliche Stube, Platz wäre hier für 55 Gäste. Wo einst am Sonntagvormittag gejasst, nach der Sonntagsmesse oder einfach nur zu Abend gegessen wurde, ist es heute leer. Mitte der 1970er-Jahre eröffnete Franz Hepberger das Wirtshaus. Er hatte sich damit einen Lebenstraum erfüllt. 23 Jahre lang führte er den Betrieb gemeinsam mit seiner Frau Margarethe, ehe neue Pächter gesucht wurden. „Damals haben uns mögliche Nachfolger noch die Türe eingerannt“, erinnert sich seine Tochter, Susanne Tagwercher.

Pizzeria statt Gasthaus

Heute ist das anders: Seit Juli vergangenen Jahres wird ein neuer Pächter gesucht. Es habe zwar mehrere Interessenten gegeben, scheiterte aber oft am fehlenden Eigenkapital. Dass sich die Pächtersuche als so schwierig erweist, verorten die vier Hepberger-Schwestern, die als Kinder mitgearbeitet haben, unter anderem in den oft schwierigen Arbeitsverhältnissen: „Wenn du diesen Job machst, dann nicht wegen einem Acht-Stunden-Tag, sondern weil du eine Berufung und Leidenschaft dafür hast.“ Kritiker verweisen zudem auf die steigende Zahl an Pizzerias oder chinesischen Restaurants: „Dort ist meist die gesamte Familie in den Betrieb eingebunden und die Personalkosten sind damit geringer“, nennt Tagwercher als Grund.

Gesellschaftliche Bedeutung

Das Problem mit der Pächtersuche kennt Rainer Duelli, Bürgermeister von Übersaxen, nur zu gut. Einst gab es in der Gemeinde fünf Gasthöfe, aber das ist über hundert Jahre her. Übrig geblieben ist bis heute eines, die Krone, direkt gegenüber vom Gemeindeamt, mitten im Dorf. Die Gemeinde Übersaxen war vor über 20 Jahren eine der ersten in Vorarlberg, die ihr Dorfgasthaus kaufte und sich seither selbst auf Pächtersuche machte. Von denen gab es zahlreiche, erinnert sich Duelli. Auch im Frühjahr wurde erneut ein Pächter gesucht, der sich glücklicherweise rasch gefunden hat. Gerade für kleinere Gemeinden wie Übersaxen sei das Gasthaus von enormer gesellschaftlicher Bedeutung: „Ohne Gastronomie ist das Dorfleben nur halb so viel wert“, betont Duelli, der auch Obmann des Vereins Dorfleben ist.

In jüngerer Zeit machen zudem verschärfte Vorschriften und Bestimmungen, wie zum Beispiel die verpflichtende Einführung von Registrierkassen, den Gastwirten zu schaffen. „Problematisch ist, dass in der Gastronomie aufgrund des Dienstleistungscharakters, der Lebensmittelverwendung und der Arbeitsintensität viele verschiedene Behörden eingebunden sind. Daher ist die Koordination unter diesen und kooperatives Denken zwischen Unternehmern und Kontrolleuren wichtig“, betont Raumforscher Johannes Herburger. Darüber hinaus seien Veränderungen in der ästhetischen Wahrnehmung nicht zu unterschätzen: „Eine Einrichtung, die heute als trendmäßig gilt, ist in zehn Jahren schon wieder out. Umgekehrt waren schöne, heimelige Stuben, wie wir sie heute lieben, vor 50 Jahren gar nicht aktuell“, erklärt Herburger. Das mache es investitionsintensiv, wenn man am Puls der Zeit bleiben wolle.

Personalmangel als Mitgrund

Wesentlicher Faktor für den Negativtrend ist die Flaute im Service- und Küchenbereich. Für das traditionsreiche Wirtshaus Hirschen in Bezau im Bregenzerwald war es wegen Personalmangel beinahe endgültig Feierabend. Nicht etwa, weil das Gasthaus zu wenige Gäste verzeichnet hätte, sondern weil Köche und Servicemitarbeiter fehlten. Erst im letzten Moment konnte Personal gefunden und damit das Aus abgewendet werden. All das hat zur Folge, dass sich in den meisten Vorarlberger Gemeinden ein ähnliches Bild zeigt: Es gibt immer mehr leer stehende Wirtshäuser. Die traditionellen Betriebsarten Gasthaus (ohne Gästezimmer) und Gasthof (mit Gästezimmer) werden hierzulande immer weniger. Innerhalb von 50 Jahren reduzierte sich die Zahl der klassischen Wirtshäuser um 500, während es mehr Betriebe in der Kategorie Restaurant gibt. Das geht aus der Studie von Johannes Herburger hervor, die für den Verein Dorfleben in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer erstellt wurde.

Wie könnte das Betreiben eines Gasthauses wieder attraktiver gemacht werden? Einig sind sich die Betroffenen darin, dass finanzielle Unterstützung gewährleistet werden sollte, wenn Pächter ein leer stehendes Gasthaus übernehmen.

Lesen Sie kommenden Samstag in der VN-Serie: Gasthäuser als Treffpunkt im Dorf.

Die Schwestern Monika Bachmann, Susanne Tagwercher und Marlies Bischof (v. l.) sind auf der Suche nach einem Pächter für den Tannenhof in Meiningen.
Die Schwestern Monika Bachmann, Susanne Tagwercher und Marlies Bischof (v. l.) sind auf der Suche nach einem Pächter für den Tannenhof in Meiningen.
 „Ohne Gastronomie ist das Dorfleben nur halb so viel wert“,  ist Rainer Duelli, Obmann des Vereins Dorfleben, überzeugt. Er freut sich über Michael Dinicu als neuen Pächter der Krone in Übersaxen.
„Ohne Gastronomie ist das Dorfleben nur halb so viel wert“, ist Rainer Duelli, Obmann des Vereins Dorfleben, überzeugt. Er freut sich über Michael Dinicu als neuen Pächter der Krone in Übersaxen.
Dass Traditionsbetriebe wie der Tannenhof in Meiningen ihre Pforten schließen, hängt nicht nur, aber auch mit der Personalsituation zusammen.  VN/Lerch
Dass Traditionsbetriebe wie der Tannenhof in Meiningen ihre Pforten schließen, hängt nicht nur, aber auch mit der Personalsituation zusammen. VN/Lerch