Klaus Biedermann setzte sich mit dem Schicksal der Karrner-Familien auseinander

06.06.2019 • 08:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Klaus Biedermann referiert am Donnerstag im Zäwas in Bludenz.BI

Historische Aufarbeitung der Familiengeschichte.

BLUDENZ Der Historiker Klaus Biedermann wird diesen Donnerstag, 6. Juni, um 18.30 Uhr im Zäwas in Bludenz über die Karrner-Familien referieren. Als Karrner-Familien bezeichnete man die Zuwanderer aus dem Oberinntal, die zumeist bitterarm waren, wobei auch Klaus Biedermanns eigene Vorfahren bei diesen zu verorten sind. Die VN-Heimat traf sich mit ihm zum Hintergrundgespräch.

Was bewog Sie, sich mit Ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen?

Mir wurde gesagt, dass meine Großmutter „ganz arm“ aufgewachsen sei. Genaueres war nicht bekannt. Nach dem Tod meiner Mutter 2006 sichtete ich alte Fotos von meinen Vorfahren. Dabei waren Bilder von zwei Brüdern der Großmutter, in Militäruniform. Das motivierte mich, das Leben dieser Menschen genauer zu erforschen.

Was bedeutet die Bezeichnung „Karrner“?

Karrner, auch Karrenzieher genannt, waren Menschen ohne festen Wohnsitz. Sie führten ihr weniges Hab und Gut auf Wagen mit sich. Da Zugtiere ein nicht bezahlbarer Luxus waren, zogen sie ihre Wagen zumeist von Hand. Diese Menschen waren als Schleifer, Korbmacher, Geschirr-, Früchte- und Kastanienhändler tätig. Sie zogen bis nach Bayern und Südtirol und boten als Hausierer sowie auf Märkten ihre Waren an.

Wieso kam Ihre Großmutter nach Bludenz?

Die Industrialisierung und ein Ausbau der Verkehrswege verdrängten die traditionelle Lebensweise der Karrner. Die Behörden wollten diese Menschen zur Sesshaftigkeit und deren Kinder zum Schulbesuch zwingen. Andererseits boten Industrie und Eisenbahn neue Verdienstmöglichkeiten. Ein Verwandter meiner Großmutter, Heinrich Glatz, arbeitete bei der Bahn und lebte ab 1888 im Raum Bludenz. Vermutlich bewog sein Beispiel die Familie meiner Großmutter dazu, 1895 nach Bludenz zu kommen.

Was haben Sie nun über das Leben Ihrer Familie herausgefunden?

Dazu gewähren Zeitungen, Kirchenbücher und Archivquellen Einblicke. Mein Urgroßvater Faustin Glatz, 1901 in Bludenz verstorben, ist im dortigen Kirchenbuch als „Korbflechter aus Mieming“ bezeichnet. In Bludenz arbeitete er zeitweise in der Fabrik. Aufgrund ihrer bitteren Armut kamen Angehörige der Familie Glatz mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. 1897 waren sie in Holzdiebstähle verwickelt. Die Justiz ging oft unverhältnismäßig streng mit diesen Menschen um. Mein Großonkel Adalbert Glatz stahl beispielsweise im Jahr 1907 in Dornbirn ein Paar Schuhe, was zu einer zweimonatigen Kerkerstrafe führte.

Welche Rolle spielte damals die „Armenfürsorge“?

Das Heimatrecht in einer Gemeinde gab den Betroffenen das Recht, Unterstützung von der dortigen Armenfürsorge zu erhalten. Daher bemühten sich die Gemeinden stets, möglichst wenig Mittellose als Heimatberechtigte aufzunehmen. Heimatberechtigte hatten auch das Recht, im Armenhaus ihrer Gemeinde versorgt zu werden.

Welche Folgen hatte das Heiratsverbot für arme Leute?

Mit diesem Heiratsverbot wollte man im 19. Jahrhundert verhindern, dass sich Arme unkontrolliert vermehrten. Einige Paare wanderten darum bis nach Rom, um dort zu heiraten. Die Kirche kümmerte sich nicht um staatliche Heiratsverbote. Das Paar kehrte mit einer „Hochzeitsurkunde“ zurück. Besonders für die Frau war dies wichtig: So konnte sie belegen, dass sie in „geordneten Verhältnissen“ lebte. Ledige Frauen mit Kindern wurden als Prostituierte verunglimpft. Auch einzelne verwandte Vorfahren von mir heirateten in Rom. BI

Zur Person

KLAUS BIEDERMANN

Geboren 11. August 1963

Wohnort Vaduz

Beruflicher Werdegang Studium von Geschichte und Anglistik in Bern, 1995 bis 2008 Geschäftsführer des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein; 2008 bis 2012 Forschungsauftrag zum Thema „Einbürgerungen in Liechtenstein im 19. Jahrhundert“

Publikation „Tiroler Karrner-Familien in Bludenz“ in den Bludenzer Geschichtsblättern, Heft 120, erschienen im Dezember 2018