Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Vor-Ferien-Glück

11.06.2019 • 17:10 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Im Internat waren dies die glücklichsten Wochen. Höchstens eine Schularbeit noch, ansonsten schloss Mitte Juni eine stille Übereinkunft die Klassenbücher. Lehrer und Schüler einte die Freude am Überstandenen.

Die Sommerferien waren zum Greifen nah. Vor der Haustür glitzerte einladend der Bodensee. Der Raddampfer Hohentwiel lag noch als dümpelnder Gasthof im Segelhafen. Ein rostiger Ort der Verheißung, an dem sich vortrefflich Bier kaufen ließ. Und so ein Abend auf dem Oberdeck, vom Kellner bedient, als wäre man tatsächlich erwachsen, das nennt die Erinnerung pures Glück.

Projektwochen steckten damals noch in den Kinderschuhen, so wie überhaupt niemand ernsthaft versuchte, den letzten Wochen noch wertvolle Erkenntnisse abzutrotzen. Stattdessen bot diese Zeit Raum für eine vertiefte Koexistenz. Die Schulgemeinschaft, die in einem Internat ja zwangsläufig mehr als eine Floskel darstellt, wurde jetzt spürbarer. Man würde sich in Bälde zwei Monate aus den Augen verlieren. Stets würzte ein Tropfen Wehmut die Vorfreude auf die großen Ferien.

Thomas Matt

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