Von der Valduna in die Gaskammer

Vorarlberg / 16.07.2019 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Hohenemser Alexander Ammann wurde 1941 in Hartheim vergast.

In Hohenems wird ein Denkmal für die Hohenemser Opfer der NS-Euthanasie errichtet. Zum Beispiel für Alexander Ammann.

Hohenems Die spanische Villa in Hohenems ist ein Prachtbau. Gegenüber dem Rathaus, hinter einer Hecke, verbirgt sich das Jugendstil-Gebäude, das 1904 von Antonio Ammann in Auftrag gegeben wurde. Hier wuchs sein Sohn Anton Ammann auf, Gründer und ehemaliger Illwerke-Direktor, Ehrenbürger von Schruns. Auch sein Cousin, Alexander Ammann, war oft in Hohenems zu Gast. Im März 1941 wurde Alexander Ammann in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet. Er ist eines von 13 bekannten Hohenemser Opfern der NS-Euthanasie. Bis heute erinnert in Hohenems nichts an sie. Das ändert sich: Heuer, 74 Jahre nach Ende der NS-Diktatur, wird ihnen ein öffentliches Denkmal gewidmet, wie Kulturstadtrat Johannes Drexel den VN bestätigt.

Alexander Ammann wurde am 1. Oktober 1896 in Barcelona geboren. Nach dem Tod seiner Mutter1904 und seines Vaters ein Jahr später zog er zu seiner Verwandtschaft nach Hohenems. Er absolvierte das Internat in der Mehrerau und später die Handelshochschule in Nürnberg. Anschließend zog er mit seiner späteren Frau, die er in Nürnberg kennengelernt hatte, zurück nach Spanien. Alexander arbeitete bei Siemens-España, gleichzeitig brachte das Ehepaar zwei Kinder zur Welt, ehe sie sich wieder trennten. Sie zog zurück nach Nürnberg, er blieb in Spanien.

Alexander Ammann kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Front in Südtirol.

Um die Zeit danach ranken sich einige Mythen. So soll Alexander Ammann mit weißem Anzug und weißem Hemd in Nürnberg aufgetaucht und die Mitfahrer eines SS-Lkw beschimpft haben, erzählt der Hohenemser Lehrer und Historiker Gerold Amann, der sich mit dem Leben Ammanns beschäftigte. Bei einer Geschäftsreise nach Berlin erlitt Alexander Ammann erstmals einen Nervenzusammenbruch und hatte in der Nacht im Hotel Verfolgungsängste. 1933 wurde er schließlich zunächst in die Psychiatrie in Erlangen eingeliefert, bevor er am 2. November 1933 in die Valduna nach Rankweil überwiesen wurde.

„Abgang nach Hartheim“

Ammann war gebildet. Er fertigte in dieser Zeit mehrere Artikel und Schriften zur Geschichte, Naturwissenschaft und Theologie an, die während des Krieges wieder verloren gingen. Zwischen 1933 und 1938 hatte er zudem regelmäßig Freigang und besuchte seine Verwandten in Hohenems. Im Ort habe er als schräger Vogel gegolten, erzählt Gerold Amann. „Ab 1938 fehlen die Aufzeichnungen in seiner Krankenakte“, fährt er fort. Bis auf einen. Am 17. März 1941 wird vermerkt: „Abgang nach Hartheim“. Zusammen mit 86 weiteren Patienten wird er an diesem Tag zur Ermordung in die Oberösterreichische Tötungsanstalt gebracht.

Denkmal beim Krankenhaus

Wolfgang Weber hat sich als Politikwissenschaftler schon intensiv mit dem Thema Euthanasie auseinandergesetzt. Seinen Forschungen zufolge waren die 13 bekannten Hohenemser Opfer zwischen 32 und 80 Jahre alt. Eines wurde aus dem Altenheim in Hohenems abgeholt, die zwölf anderen aus der Valduna. Als Präsident des Lions-Clubs in Hohenems startete Weber eine Initiative für ein Euthanasie-Denkmal in der Stadt; mit Erfolg. „Der Beschluss ist bereits gefasst. Wir werden im Herbst das Denkmal präsentieren“, gibt der Emser Kulturstadtrat Johannes Drexel bekannt. Es soll auf dem Platz vor dem historischen Krankenhaus und der ehemaligen Rettungsstelle errichtet werden.

Der Lustenauer Bildhauer Udo Rabensteiner arbeitet derzeit an einem Euthanasie-Denkmal für Hohenems. VN/Lerch
Der Lustenauer Bildhauer Udo Rabensteiner arbeitet derzeit an einem Euthanasie-Denkmal für Hohenems. VN/Lerch

Der Bildhauer Udo Rabensteiner hat bereits für Lustenau ein Denkmal errichtet, nun arbeitet er an jenem für Hohenems. Es besteht aus einem Stein aus dem Schwarzachtobel. Ein Riss im Stein symbolisiert jenen Riss, den die NS-Euthanasie in Familien und in der Hohenemser Gesellschaft hinterlassen hat. Rabensteiner erläutert: „Der Riss ist nicht natürlich, sondern von Menschenhand gemacht. Auch die Menschen wurden von Hand umgebracht.“