Der Wald steht mit dem Rücken zur Wand

Vorarlberg / 12.09.2019 • 16:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Amann ist Geschäftsführer der FBG Jagdberg. Maier-Ortner
Amann ist Geschäftsführer der FBG Jagdberg. Maier-Ortner

Der Vorarlberger Wald steht aufgrund des klimatischen Wandels mit Trockenheit und Borkenkäfer vor großen Herausforderungen.

Bettina Maier-Ortner

Schnifis „In den Wald gehe ich, wenn ich Ruhe, Erholung und Abstand vom Alltag haben will“, so in etwa klingt es bei vielen Vorarlbergern, wenn man sie nach ihrer Beziehung zum Wald fragt. Doch der geschätzte Lebensraum Wald steht in Vorarlberg unter starkem Druck, berichtet Förster und Ökologe Walter Amann im Gespräch mit den VN. Amann und sein Team pflegen und bewirtschaften für die Forstbetriebsgemeinschaft Jagdberg (FBG) rund 1800 Hektar Wald im Bereich des Walgaus und Brandnertals. „Unser Wald hat in den letzten Jahren deutlich weniger Niederschlag erhalten, ist sehr südexponiert und wurde zugleich durch den Föhn stark ausgetrocknet. Erst die letzten reichlichen Niederschläge konnten das Defizit ausgleichen, das wir durch den trockenen Sommer 2018 mitgeschleppt haben.“ So fielen von der Messstelle Thüringen aufgezeichnet 2018 im Walgau 928 mm Niederschlag – im Gegensatz zum Jahr 1999 mit maximal 1884 mm Niederschlag. Wo Bäume befallen sind, zeigt sich den Forstmitarbeitern recht schnell: Grüne Nadeln am Boden, abgeplatzte Rinden, braune Verfärbungen an der Baumkrone und Harzaustritt. „Dann ist es für den Baum meist schon zu spät“, so der 47-Jährige Geschäftsführer der FBG.

Buchdrucker ist Hauptübeltäter

Der braune circa fünf Millimeter lange Käfer ist längst auf einen anderen Baum übergeflogen. Ein gesunder Baum kann sich gegen einen Käferbefall durch Harzabsonderung wehren. Ist er durch Trockenheit geschwächt und kann nur wenig Harz produzieren, hat der Käfer leichtes Spiel. Hinzu kommt eine bläuliche bis schwarz-graue Holzfärbung, da die Käfer Pilzsporen übertragen. Die Arten Buchdrucker und Kupferstecher (die Bezeichnung stammt vom Fraßbild) sind für erhebliche Schäden der Forstwirtschaft Mitteleuropas verantwortlich. Dem Ökologen macht rund um Schnifis der Buchdrucker an Fichtenbeständen zu schaffen. „Vor 20 bis 30 Jahren hatten wir einen Befall pro Jahr von bis zu zwei Generationen. Jetzt können sich drei Generationen entwickeln. Das sind, geht man von 200 Buchdrucker-Elternpaaren aus, in der ersten Generation 8000 Käfer. In der zweiten 160.000 und der dritten Generation 3,2 Millionen Nachkommen“, rechnet er. „Entwicklungszeiträume und Vermehrung sind maßgeblich von der Durchschnitts­temperatur abhängig. Bei 19 Grad Celsius benötigen Larven sieben Wochen zur Entwicklung, bei durchschnittlich 24 Grad nur fünf Wochen.“ Immer längere Wärmeperioden sorgen für perfekte Brutbedingungen der Borkenkäferlarven. Ein Zusammenhang mit den klimatischen Wandel ist laut dem Experten nicht mehr von der Hand zu weisen. „Wir sind froh, wenn wir inklusive Förderungen eine schwarze Null am Ende haben. Vom Wald leben kann man derzeit nicht. Der Wald wird derzeit umgebaut. Wir investieren in über 20 verschiedene Baumarten und müssen die klimatischen Bedingungen in 100 Jahren vorhersehen.“

Wald unter Beobachtung

Neben höheren Temperaturen und Trockenheit sind große Borkenkäferpopulationen auch auf Schnee- und Sturmschäden zurückzuführen. „So viel Schneebruch bei uns wie in diesem Winter, habe ich in den letzten 20 Jahren nicht gesehen“, ist Amann mit seinem Team noch immer mit der kostenintensiven Waldhygiene beschäftigt. Um Borkenkäfer die Brutmöglichkeiten zu nehmen, wird der geschädigte Baum entrindet, in Stücke zersägt oder abtransportiert. „Oder wir lassen Bäume für das Ökosystem stehen.“ Letzteres ist im steilen Gelände der FBG nur bedingt zu bewerkstelligen. „Der Käfer hat früher in niederen bis mittleren Lagen gefressen. Jetzt klettert er durch wärmere Temperaturen in höheren Lagen“, zeigt der Hohenemser auf. Um den Wald genau im Auge zu behalten, greift der Förster auf modernste Technik zurück und setzt auf Drohnenflüge und Apps. „Dort kann ich in kürzester Zeit befallene Käfernester entdecken. Bei Kontrollen werden befallene Bäume markiert.“ Die FBG hat heuer 8500 Festmeter Holz verkauft. Davon stammen 1200 aus Schneebruch und 3200 aus Käferholz. „Rund 500 Festmeter wurden auf Grund der unrentablen Lage brutuntauglich gemacht, liegengelassen oder zur Hangstabilisierung quergefällt.“

Eine Drohnenaufnahme eines Borkenkäferbefalls. Das sogenannte „Käfernest“ ist gut zu erkennen. Forstbetriebsgemeinschaft Jagdberg
Eine Drohnenaufnahme eines Borkenkäferbefalls. Das sogenannte „Käfernest“ ist gut zu erkennen. Forstbetriebsgemeinschaft Jagdberg
Der rund 5 Millimeter kleine Borkenkäfer sorgt in den Wäldern des Walgaus für immenses Schadholz. Maier-Ortner
Der rund 5 Millimeter kleine Borkenkäfer sorgt in den Wäldern des Walgaus für immenses Schadholz. Maier-Ortner