Wenn der Rhein zur Flucht zwingt

Vorarlberg / 15.09.2019 • 20:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Rheinbauleiter Matthias Speckle hat seine Expertisen gemeinsam mit seinen Kollegen Hans-Peter Wächter und Daniel Dietsche erstellt.VN/Steurer
Rheinbauleiter Matthias Speckle hat seine Expertisen gemeinsam mit seinen Kollegen Hans-Peter Wächter und Daniel Dietsche erstellt.VN/Steurer

Starkniederschläge und massive Schneeschmelze könnten Evakuierungen auslösen.

Lustenau Rheinbauleiter Matthias Speckle möchte vor allem eines nicht: Panik erzeugen. Dem 46-jährigen Wasserexperten ist sehr wohl bewusst, dass Schrecken schnell verbreitet ist und sich in seinem Job eine bedachtsame Abwägung jeder Formulierung bei Gefahreneinschätzungen empfiehlt. Und doch lässt auch Speckle keinen Zweifel daran, dass der Alpenrhein in seinem untersten Abschnitt über 26 Kilometer bis zum Bodensee gefährlich werden kann, sehr gefährlich sogar.

Regen und Schneeschmelze

Die Hochwassersituation zwischen dem 10. und 12. Juni dieses Jahres war es nicht. Auch wenn die Bilder von den überfluteten Rhein-vorländern bedrohlich aussahen. Speckle beschreibt das damalige Ereignis. „Wir verzeichneten am Rhein-Zubringer Hinterrhein 150 Milliliter Niederschlag im Zeitraum von 72 Stunden mit einem Durchfluss von 800 m3/s. Das entspricht einem 80-jährlichen Abflussereignis. Am Vorderrhein war die Situation schon weit weniger dramatisch. Im untersten Rheintal, an der IRR-Strecke, gab es 70 Millimeter Niederschlag. Das entspricht einem 20-jährlichen Ereignis.“ Auch die Schneeschmelze leistete einen Beitrag zur Abflussmenge, da zu diesem Zeitpunkt noch überdurchschnittlich viel Schnee in den Bergen lag.

Die Hochwassersituation verzeichnete im untersten Rheintal damals eine Doppelspitze. Das heißt: Nach einem Durchflusshöchststand beruhigte sich die Lage vorerst , um sich danach noch einmal zu verschärfen. Der maximale Abfluss wurde am 12. Juni an den Abflussstationen Lustenau und Diepoldsau mit 2000 m3/s. gemessen.

Südzentriert und nordzentriert

Beim Ereignis im Juni sprechen die Experten von einem südzentrierten Niederschlagsereignis. Bei einem solchen wird warme und feuchte Luft vom Süden an den Alpenhauptkamm geführt. Auf der Alpensüdseite kommt es dann zu sintflutartigen Niederschlägen. Die Luftmassen können den Alpenhauptkamm auch Richtung Norden überschreiten. Die Niederschläge sind dann zwar immer noch stark, aber nicht mehr so exzessiv wie im Süden.

Nordzentrierte Niederschläge führten hingegen zu den Hochwasserereignissen von 1999 und 2005. 1999 gab es zudem eine starke Schneeschmelze.

Die Szenarien

Es gibt durchaus Szenarien, die am Rhein zu apokalyptischen Ereignissen führen könnten. Szenario Nummer eins hält Speckle für praktisch ausgeschlossen: Wenn es nämlich, so wie etwa 2002, südlich des Hauptkamms über 72 Stunden sintflutartig regnet, die Luftmassen unbeschadet Richtung Norden dringen und die Regenintensität sich nicht vermindert. Damals kamen 360 Liter pro Quadratmeter vom Himmel. Das könnte zu Durchflussmengen von etwa 5800 m3/s im IRR-Gebiet führen“, verdeutlicht Speckle. Sofortiger Nachsatz: „Aber so etwas wird nicht passieren.“

Beim Katastrophenszenario Nummer zwei lässt der Rheinbauleiter den Nachsatz weg. Dieses geht von Niederschlägen in den obersten Teilen der Einzugsgebiete von Hinter- und Vorderrhein im Ausmaß von 250 Milliliter im Zeitraum von 72 Stunden aus, einhergehend mit einer Schneeschmelze, die ebenso viel Wasser produziert. Dies würde zu einem Abfluss von 3100 m3/s führen. Genau bei diesem Wert liegt derzeit die Maximalkapazität des Durchflusses im untersten Streckenabschnitt des Rheins. „Bei einer Abflussmenge von 3100 m3/s kann es notwendig werden, dass die Behörden in Bezug auf die Sicherheit der Bevölkerung die Vorbereitungsphase für eine Evakuierung oder sogar die Evakuierung der Bevölkerung anordnen“, hält Rheinbauleiter Mathias Speckle fest.