„Sorry, Schweiz“

Vorarlberg / 20.09.2019 • 21:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Vorarlberg als Teil der Eidgenossenschaft? Kantonsrat Martin Sailer kann sich das sehr gut vorstellen.  APA
Vorarlberg als Teil der Eidgenossenschaft? Kantonsrat Martin Sailer kann sich das sehr gut vorstellen.  APA

St. Galler Politiker will Vorarlberg als 27. Kanton. Ablehnende Reaktionen aus dem Land.

bregenz Wir schreiben das Jahr 1919: Eine überwältigende Mehrheit von 81 Prozent sprach sich in Vorarlberg in einer Volksabstimmung für Beitrittsverhandlungen mit der Schweiz aus. Die Republik Deutsch-Österreich war erst vor Kurzem ausgerufen worden, das Land von den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs gezeichnet. Das Vertrauen, dass der kleine Staat überleben konnte, war gering. Die Siegermächte unterstützten das Vorarlberger Ansinnen in den Friedensverhandlungen indes nicht, auch die Schweiz zeigte wenig Interesse. Vorarlberg war der „übrige“ Kanton – so die spöttisch-abfällige Bezeichnung, die sich teilweise bis heute gehalten hat.

Anfrage an Kantonsregierung

Wir schreiben das Jahr 2019. Aus der Schweiz kommt völlig überraschend ein Vorstoß, Vorarlberg nun doch zum 27. Kanton zu machen. Der sozialdemokratische Kantonsrat Martin Sailer hat eine Anfrage an die St. Galler Regierung eingebracht. Die Schweiz solle Vorarlberg als Kanton aufnehmen, heißt es darin. „Oder noch besser: St. Gallen fusioniert mit Vorarlberg.“ Zumindest eine „flächendeckende Diskussion“ wolle er damit anstoßen, erklärt Sailer. Er begründet den Vorstoß mit nicht repräsentativen Umfragen auf Vorarlberg Online und Antenne Vorarlberg, bei der eine Mehrheit einen Zusammenschluss mit der Schweiz befürworte. Immerhin hätte Vorarlberg „dieselbe Sprache und eine sehr ähnliche Kultur“. Nun solle die Kantonsregierung erläutern, wie sie zu dem Plan stehe und welche Schritte man diesbezüglich setzen könnte.

In Österreich kommt das nicht gut an. Die Wiener Gratiszeitung „Heute“ titelte bereits mit: „Die Schweiz will uns Vorarlberg wegnehmen.“ Auch in der Landespolitik ist die Ablehnung groß. Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) wollte sich auf VN-Anfrage zur Thematik zwar nicht äußern. Der ÖVP-Klubobmann im Landtag, Roland Frühstück, meinte jedoch: „Ist denn schon der 1. April? Wir sind eine tolle Region am Bodensee und fühlen uns Österreich und der Europäischen Union zugehörig.“ Ähnlich äußerte sich Landesrat Johannes Rauch (Grüne). „Ich halte das für einen Scherz.“ Vorarlberg arbeite in vielen Fragen sehr gut mit den Kantonen St. Gallen und Graubünden zusammen. Doch ein Beitritt zur Schweiz komme nicht infrage. Vielmehr dreht Rauch den Spieß um: „Ich würde es begrüßen, wenn die Schweiz Beitrittsverhandlungen mit der EU aufnehmen würde.“

Harald Köhlmeier (ÖVP), Harder Bürgermeister und Präsident des Vorarlberger Gemeindeverbands, reagiert mit einem Augenzwinkern. „Als mich diese Nachricht von unseren Nachbarn erreicht hat, habe ich mich zunächst 100 Jahre zurückversetzt gefühlt“, so Köhlmeier. „Angekommen in der Gegenwart kann ich den Vorstoß des St. Gallener Kantonsrates verstehen. Denn Vorarlberg ist mittlerweile nicht nur eines der schönsten, sondern auch eines der wirtschaftlich erfolgreichsten und in vielerlei Hinsicht innovativsten Länder überhaupt.“ Dies sei in erster Linie Ergebnis eines eigenständigen Vorarlberg-Weges, der aus der Not der Kriegswirren heraus geboren worden und nicht mehr aus der Identität des Landes wegzudenken sei. „Deshalb: Sorry, Schweiz! So einfach wie vor 100 Jahren sind wir leider nicht mehr zu haben.“

„So einfach wie vor 100 Jahren sind wir leider nicht mehr zu haben.“

„Ich würde es begrüßen, wenn die Schweiz EU-Beitrittsverhandlungen aufnimmt.“