Klimawandel macht beim Pilz nicht halt

Vorarlberg / 09.10.2019 • 18:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bettina Maier-Ortner

Dornbirn, Schwarzach Sie sind oft unscheinbar und meist gut getarnt. Pilze. Hellbraun bis braun, mal weiß und zart gelb bis orange oder rot mit kleinen weißen Tupfen. Die Fungi (Fachausdruck) bilden, neben Pflanzen (Plantae) und Tieren (Animalia) das dritte große Reich der Waldbewohner.

Wie sich Pilze auf den Klimawandel einstellen werden, ist laut Klaus Zimmermann von der inatura Fachberatung (fachberatung@inatura.at), schwer vorherzusagen: „Das Thema Pilze ist generell schlecht erfasst, da auch nicht so sichtbar wie beispielsweise vom Borkenkäfer befallene Fichten. Pilze sind je nachdem, ob sie Zersetzer oder Parasiten sind, unterschiedlich von der vorherrschenden Feuchtigkeit und Temperatur abhängig.“

Temperatur und Wasser

„Es gibt bisher keine großen Veränderungen, jedoch sind einige Arten mit südlicher Verbreitung häufiger geworden, zum Beispiel der Blaue Rindenpilz (Terana caerulea) oder der Leuchtende Weichporling (Pycnoporellus fulgens). Diese profitieren von der Klimaveränderung und ihr Verbreitungsgebiet erweitert sich stetig gen Norden“, informiert der Pilzexperte Björn Wergen (34), Leiter der Schwarzwälder Pilzlehrschau.

Die am Waldboden oder Baumstämmen sichtbaren Pilze, zu denen auch die beliebten Speisepilze gehören, sind der ausgebildete Fruchtkörper des Pilzgeflechts (Pilzmyzel). „Sie entstehen, wenn es ausreichend feucht ist und die richtige Temperatur herrscht, sonst wird einfach kein Fruchtkörper ausgebildet“, so Klaus Zimmermann. Wenn Pilze beim Wachstum austrocknen, komme es nicht zur Fruchtkörper- und Sporenbildung. Ein kalter und vor allem trockener Frühling ist für das Pilzwachstum im Sommer und Herbst eine schlechte Voraussetzung. „Das Pilzwachstum ist ein sehr langsames, wird sich aber durch veränderte klimatische Bedingungen auch verändern“, wagt er eine Prognose. Dabei werden die vorherrschenden Temperaturen eine große Rolle spielen. Jeder Baum in der sogenannten Waldgesellschaft hat sein eigenes Spektrum an Pilzen. Die Pilze sind, so Zimmermann, mit Bäumen eng verbunden. Werden also neue Baum­arten nach Vorarlberg importiert, können damit auch neue Pilzarten nach Vorarlberg gelangen. „Manche Pilzarten werden in den letzten Jahren häufiger gefunden als zu früheren Zeiten. Ob es mit dem veränderten Klima oder mit der Flora zusammenhängt, ist noch schwer zu bestimmen“, mag er sich noch nicht festlegen. Untersuchungen seien auch daher schwer, da manche Pilze keine sichtbaren Fruchtkörper bilden oder diese nur alle zehn Jahre Fruchtkörper treiben.

Wird die Waldgrenze durch den Klimawandel weiter in höhere Lagen wandern, werden dem inatura-Experten zufolge die Pilze mitwandern. Zimmermanns Beobachtung der wichtigen Symbiose von Baum und Pilz: „Bei untersuchten kranken Bäumen, die ihre Nadeln abgeworfen haben, war auch der im Wurzelgeflecht vorhandene Pilz geschwächt.“

Uschi Österle, Obfrau Pilzkundlicher Verein Vorarlberg, weiß, dass es bei den Pilzen Einwanderer gibt, die nicht nur unmittelbar mit der Klimaveränderung zu tun haben – wie das Stängel-Becherchen, das für das Eschentriebsterben verantwortlich ist. Dieses wurde aus Fernasien eingeschleppt. Bei anhaltend heißen Sommern könne es laut der Expertin schon sein, dass Pilze aus dem mediterranen Raum irgendwann bei uns ankommen. „Allerdings müssen dann auch die entsprechenden Bäume dabei sein wie Edelkastanie, Pinie“, so Österle. Dies betreffe beispielsweise den am häufigsten gesammelten Fichtensteinpilz. „Pilze gab es immer schon bis zu den Gletschern bzw. überall noch dort, wo sich Flechten behaupten können. Wenn die Gletscher verschwinden, gibt es dann auch dort Pilzarten, die in hoch­alpinen Lagen wachsen.“ Pilze (auch Speisepilze) gibt es übrigens auch in Vorarlberg ganzjährig zu finden. „Es gibt welche, die brauchen zuerst einen Frost, bevor sie überhaupt fruktifizieren. Zu Weihnachten und Neujahr gab es schon in den letzten 20 Jahren Pilze zu
finden, da wir zu der Jahreszeit meist sehr milde Temperaturen haben.

Eine geschlossene Schneedecke im Tal ist zum Jahreswechsel ja schon sehr lange eine Seltenheit“, weiß Österle. Die diesjährige Pilzsaison unterscheide sich laut Österle zur letztjährigen insofern, dass heuer schon im August einiges zu finden war.

„Manche Pilzarten werden in den letzten Jahren häufiger gefunden als zu früheren Zeiten.“