Historiker Günter Bischof gewinnt Wissenschaftspreis des Landes

Vorarlberg / 11.11.2019 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Günter Bischof kann zu Recht stolz sein auf sein umfassendes Werk über den Marshallplan. VN/HARTINGER

Der in den USA lebende hochdekorierte Universitätsprofessor hat nie aufgehört, sich als „Gsi“ zu fühlen.

Mellau Sehr geehrt fühlt sich der 66-jährige Historiker, der an der University of New Orleans unterrichtet, dass man ihn, „den verlorenen Sohn“, mit dem Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg auszeichnet. Bischof nimmt die USA heute als tief gespaltenes Land wahr und hofft, dass sich das nach der nächsten Präsidentschaftswahl in einem Jahr ändert.

Was bedeutet Ihnen der Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg?

Er bedeutet mir sehr viel. Ich hätte nicht gedacht, dass man mich, einen „verlorenen Sohn“, im Blickfeld behält. Der Preis freut mich auch für die vielen Vorarlberger Studenten, die über die Jahre via Uni Innsbruck an der Universität New Orleans studiert haben.

Sie leben seit über 30 Jahren in den USA. Wie sehr fühlen Sie sich noch als Vorarlberger?

Ich fühle mich immer noch als „Gsi“. Ich besuche jedes Jahr meine noch im Bregenzerwald lebenden Geschwister. Ich habe dabei oft meine Familie mitgebracht. Alle meine drei Kinder haben Deutsch gelernt, unsere Tochter Andrea kann sogar Wälderisch, da sie in Bezau ein Semester die Hauptschule besucht hat.

Wie haben Sie von dieser Auszeichnung erfahren und was war Ihre erste Reaktion?

Ich wurde bereits im Juni verständigt und gefragt, ob ich auch auf die Verleihung komme. Aus den oben angeführten Gründen wollte ich mir das nicht entgehen lassen.

Sie sind als Historiker in New Orleans tätig und beschäftigen sich intensiv mit Geschichte und Gegenwart der USA. Wie sieht in Kurzform eine Zustandsbeschreibung des Amerika der Gegenwart aus?

Die USA ist im Inneren tief gespalten und politisch durch den Konflikt des demokratischen Repräsentantenhauses und des republikanischen Weißen Hauses kaum mehrheitsfähig. Im Äußeren zerstört Trump durch seine Handelspolitik und seine Außenpolitik im Nahen Osten und Europa die Vormachtstellung der USA in der Welt. Wir beobachten gerade täglich das Ende des amerikanischen Jahrhunderts. Die amerikanische Demokratie ist kein mustergültiges Vorzeigeexemplar mehr wie im 20. Jahrhundert.

Wie sehr hat Donald Trump Amerika verändert?

Außenpolitisch hat Trump die liberale Weltordnung, die von der Hegemonialmacht USA nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, gerade außer Kraft gesetzt. Unter dem Trump-Regime wollen die USA nicht mehr Weltpolizist spielen, und so verliert das heutige Amerika seine bisher führende Weltmachtrolle. Aktuelles Beispiel dafür ist Syrien. Innenpolitisch hat Trump eine sehr raue Sprache in die Tagespolitik gebracht und dadurch das Land tief gespalten und polarisiert. Er wird schwer, diese tiefen Gräben zu überwinden. Seine vielen Ernennungen von Richtern auf allen Gerichtsebenen werden seine reaktionäre Politik auf viele Jahre einzementieren.

Was stimmt Sie dennoch optimistisch?

Die USA sind trotz der zahlreichen Entgleisungen der Trump-Administration als Demokratie erneuerbar und haben in ihrer Geschichte gezeigt, dass das Land fähig ist, an seinen Wurzeln zu seinen Werten zurückzukehren.

Wie sollte sich Europa im Umgang mit dem jetzigen US-Präsidenten verhalten?

Viel kritischer als das bisher geschehen ist, gerade in Fragen wie dem Erhalt der NATO, der Intensivierung der europäischen Integration und dem Festhalten an einer offenen Handelspolitik.

Was lieben Sie an den USA?

Dass das Land bisher sehr weltoffen war und Immigranten wie mich akzeptiert. Wenn man die Sprache des Landes beherrscht, wird man von den meisten Amerikanern akzeptiert. Für Leute wie mich, die die Staatsbürgerschaft erwerben und den Amerikanern ihre eigene Geschichte beibringen, gilt das noch mehr.

Ihr Meisterstück als Historiker war die Forschungsarbeit über den Marshall-Plan, der dem zerstörten Europa nach dem Krieg wesentlich beim Wiederaufbau geholfen hat.

Der Marshallplan hat mich 30 Jahre beschäftigt. Ich konnte diesbezüglich sogar eine Verbindung zu meiner Heimat herstellen. So haben von den Unterstützungen auch Betriebe und Bergbahnen in Mellau profitiert.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages wieder nach Vorarlberg zurückzukehren?

Das kann ich mir gut vorstellen, wird aber eher nicht stattfinden. Meine Frau und ich planen, den Ruhestand in ihrem Heimatort zu verbringen. Wir planen dann aber längere Besuche in Österreich, als das jetzt der Fall ist.

Günter Bischof

Günter Bischof wurde am 6. Oktober 1953 in Mellau geboren. Nach der Matura studierte er Englisch und Geschichte an der Universität Innsbruck. Es folgten erste Aufenthalte in den USA, wohin es ihn 1982 endgültig verschlug, als er ein Stipendium an der Harvard Universität erhielt. Heute arbeitet Günter Bischof als Geschichteprofessor an der Universität New Orleans, wo er auch das Austria Center, eine Kooperation zwischen den Universitäten von New Orleans und Innsbruck, leitet. Bischof ist verheiratet und hat drei Kinder.