Die Zuwanderung der Südtiroler in unser Land

Vorarlberg / 04.12.2019 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Adi Untermarzoner vor dem Wohnhaus in Bregenz, in das er und seine Familie 1941 einzogen. VN/PAULITSCH

Vor 80 Jahren wurde die Umsiedlung der Südtiroler vereinbart. Die Bevölkerung stand vor der Wahl: gehen oder bleiben?

Schwarzach Im Oktober 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Abkommen zur Umsiedlung der deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung in Südtirol. Den 235.000 Deutschen und 11.000 Ladinern wurde die Option für Deutschland nahegelegt. Innerhalb weniger Wochen mussten sie entscheiden, ob sie weiterhin in Italien bleiben oder ins Deutsche Reich übersiedeln und damit die Heimat aufgeben wollten. „Südtirol wurde dadurch in zwei unversöhnliche Lager gespalten, in die Dableiber und Geher“, weiß Gebhard Greber. Der Gymnasialprofessor aus Dornbirn hat sich eingehend mit der Thematik befasst.

Familie Untermarzoner optierte für das Deutsche Reich und wurde in Vorarlberg sesshaft.

Die Mehrheit entschied sich schließlich für die Deutschland-Option. „86 Prozent, also rund 200.000 Menschen, votierten für das Deutsche Reich.“ Greber weiß warum: „Der Hauptgrund war die brutale Italianisierungspolitik der Faschisten. Man versuchte zwanghaft, aus den Deutschen Italiener zu machen.“ Viele hofften auch auf ein besseres Leben im Deutschen Reich. Denn die wirtschaftliche und soziale Lage in Südtirol war schlecht. Dass letztlich insgesamt nicht mehr als 74.500 Südtiroler abwanderten, hing vorwiegend mit den Kriegsereignissen zusammen. „Als Mussolini 1943 gestürzt wurde, stoppte man die Umsiedlung.“ Aber auch die Besitzablöse gestaltete sich als schwierig. „Deshalb gingen als Erstes die Besitzlosen und Geringqualifizierten.“

„Die meisten Südtiroler kamen über Nordtirol nicht hinaus. Fast 80 Prozent der Umsiedler blieben dort.“

Gebhard Greber, Gymnasialprofessor

Den Optanten wurden geschlossene Ansiedlungen im Deutschen Reich oder in neu eroberten Gebieten versprochen. „Diese Pläne zerschlugen sich aber wegen der Kriegsereignisse. Die meisten Südtiroler kamen über Nordtirol nicht hinaus. Fast 80 Prozent der Umsiedler blieben dort“, berichtet der Lehrer. Immerhin 14 Prozent aller Abwanderer, also rund 10.700 Personen, ließen sich im kleinen Vorarlberg nieder. Greber dazu: „Viele kamen deshalb in unser Land, weil die Vorarlberger Bauwirtschaft und Textilindustrie einen besonders hohen Bedarf an ungelernten Arbeitskräften hatte.“

Als „Polenta-Fresser“ beschimpft

Aber es gab noch einen anderen Grund: die rasche Bautätigkeit der Vorarlberger Siedlungsgesellschaft. „Sie errichtete innerhalb kürzester Zeit 430 Häuser mit 2096 Wohnungen für die Südtiroler.“ Die größten Südtiroler-Siedlungen entstanden in Bregenz-Schendlingen, in Bregenz-Rheinstraße und in Dornbirn-Sala. Aber auch in Bludenz, Feldkirch, Hohenems, Hard, Lauterach und Lustenau wurde für die Zuwanderer moderner Wohnraum geschaffen. Bis zur Fertigstellung der Siedlungen waren die Umsiedler in provisorischen Unterkünften einquartiert. Die heimische Bevölkerung war über die Zuwanderer wenig erfreut. „Die NS-Propaganda tat so, als ob sie willkommen wären. Doch in Wirklichkeit waren sie für viele Vorarlberger Fremde und Vorurteilen ausgesetzt. Nicht wenige beschimpften sie als ,Polenta-Fresser‘.“ Laut Greber wurden sie als Konkurrenten gesehen. „Das muss man verstehen. Denn es war eine Zeit, in der Lebensmittel und Bekleidung rationiert wurden und große Wohnungsnot herrschte.“

Rückkehr aus Heimweh

Nicht alle Südtiroler hielten es in der Fremde aus. Heimweh trieb manche wieder nach Hause. „Von den insgesamt 74.500 Ausgewanderten sind rund 21.000 nach Südtirol zurückgekehrt“, berichtet Greber. Die, die blieben, lebten in den eigens für sie errichteten Wohnvierteln. Dort blieben sie zunächst unter sich. „Es entstand ein eigenes kulturelles Milieu. Man versuchte, die Kultur der Heimat aufrechtzuerhalten und gründete Vereine.“ Heute seien die Südtiroler längst integriert, betont Greber. Er hat sich auch mit der Bedeutung auseinandergesetzt, die die Südtiroler Zuwanderung für Vorarlberg hatte. „Die Bauwirtschaft und Textilindustrie profitierten davon. Dass die Wirtschaft in Vorarlberg heute so gut dasteht, ist nicht zuletzt auch dem Fleiß der Südtiroler geschuldet.“

Mit Hoffnung ausgewandert

Stefan Untermarzoner, ein Straßenwärter aus Klausen (Südtirol), befürchtete, dass er – als Staatsangestellter – nach Sizilien versetzt werden könnte. Das war für ihn und seine Frau Elisabeth, die die italienische Sprache nicht beherrschte, eine düstere Perspektive. Deshalb optierten die Untermarzoners für das Deutsche Reich. Im November 1940 wurde das Ehepaar mit seinen drei Kindern in das Deutsche Reich umgesiedelt.

„Meine Eltern sind mit Hoffnung ausgewandert. Ihnen wurde ein Leben in Wohlstand versprochen“, sagt Adi Untermarzoner (heute 88). Die Umsiedlung empfand der Bub als Desaster. „Zunächst verbrachten wir drei Wochen in einem Hotel in Innsbruck. Danach wurden wir bis März 1941 in einem Post-Erholungsheim bei Rosenheim untergebracht und dann in einem Zimmer im Altersheim in Höchst.“ Im September 1941 konnte die Familie in die inzwischen fertiggestellte Wohnung in der Bregenzer Achsiedlung einziehen. Der Familienvater bekam bei der Vorarlberger Straßengesellschaft eine Anstellung. Gegen Ende des Krieges litt die Familie Hunger, „obwohl wir einen Garten hatten, Kartoffeln an der Achmündung anbauten, Kaninchen züchteten und Betteltouren unternahmen“. Die Mutter, die an Heimweh litt und mit der Auswanderung nicht zurande kam, verzichtete oft auf das wenige Essen zugunsten der Kinder. „Sie wurde immer schwächer und erholte sich nicht mehr. 1948 starb sie.“ Die Vorarlberger nahmen die Familie aus Südtirol sehr positiv auf. „Als fromme Katholiken waren wir in der Gemeinde schnell integriert.“

Gebhard Greber befasste sich eingehend mit dem Thema Option in Südtirol.