VN-Podcast: „Höhere Strafen plakativ, aber nicht wirksam“

Vorarlberg / 16.12.2019 • 11:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Winfried Ender leitet den Verein Neustart seit 13 Jahren. Er sagt: „Ich bin Lobbyist für Straffällige, so bezeichne ich meinen Beruf.“ VN/Stiplovsek

Winfried Ender spricht im VN-Podcast über Bewährungshilfe, Straflänge und Hass im Netz.

Bregenz Immer wieder kommt es vor, dass Menschen, die ihre Strafe abgesessen haben, auch nach ihrer Haft an den Pranger gestellt werden, vor allem online. „Das ist eine bedenkliche Entwicklung“, erläutert Winfried Ender, Leiter des Vereins Neustart, in der aktuellen Folge des Podcasts „VN-Woche“. Er verweist auf die USA: „Wir sehen dort, wohin das führt. Man stellt ein Schild auf, Menschen dürfen nirgendwo hinziehen, sie sind bekannt. Das sind Mittelaltermethoden.“ Das Problem dabei: Diese Menschen gehörten eigentlich einer Therapie unterzogen. „Das hilft mehr als nachbarschaftliche Ausgrenzung“, fährt Ender fort.

70 Prozent Erfolgsquote

Winfried Ender muss es wissen: Als Leiter von Neustart ist er der oberste Bewährungshelfer im Land. Die wichtigste Phase dabei seien die ersten Wochen nach der Haft. „Da unterstützen wir vor allem bei der Wohnungssuche“, erzählt Ender. Das Ziel der Bewährungshilfe laute, Menschen davon abzuhalten, weitere Straftaten zu begehen. „Um das zu erreichen, muss ich es schaffen, dass der Klient einsieht, etwas falsch gemacht zu haben.“ Die Erfolgsquote liege bei rund 70 Prozent. Nachsatz: „Aber wenn jemand im Alter von 16 oder 17 Jahren zur Bewährungshilfe kommt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass er wieder verurteilt wird.“ Nach einer weiteren Haft mache man in der Bewährungshilfe eben da weiter, wo man davor aufgehört habe. „Wir haben den Mut, an die zu glauben, an die sonst niemand glaubt“, betont Ender.

Den Trend zu strengeren Strafen sieht er kritisch: „Höhere Strafen sind zwar plakativ, aber wirksam sind sie nicht. Wenn ich nur eingesperrt werde, werde ich mich nicht ändern.“ Es brauche schon in der Haft Betreuung. Der Straftäter soll sich mit seiner Tat auseinandersetzen, damit er einsichtig wird. „Dann ist die Strafe erfolgreich. Reines Absitzen ändert niemanden sonderlich.“ In der „VN-Woche“ spricht er zudem über Resozialisierung, über die Auswirkung langer Haftstrafen und die Initiative „Dialog statt Hass“, bei der es um die Arbeit mit Verurteilten wegen Verhetzung im Internet geht. Den Podcast gibt es auf VN.at und auf allen gängigen Podcast-Plattformen zum Nachhören.