„Lothar“ lehrte vor 20 Jahren das Fürchten

Vorarlberg / 27.12.2019 • 12:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Orkan „Lothar“ raste mit Geschwindigkeiten bis zu 150 Stundenkilometern über das Land, entwurzelte Bäume – hier etwa in Karlsruhe (Baden-Württemberg) – und deckte Dächer ab. Die VN berichteten. dpa/VN-Archiv

Das Orkantief „Lothar“ zog am 26. Dezember 1999 über West- und Mitteleuropa hinweg und richtete auch in Vorarlberg verheerende Schäden an.

Schwarzach „Lothar“ blies nur wenige Stunden, doch Spuren hinterließ er für Jahrzehnte: Während der Nacht zum 26. Dezember 1999 erreichte Sturm, der schon in Frankreich und in der Schweiz verheerende Schäden angerichtet hatte, Österreich. Von Vorarlberg bis Wien zog „Lothar“ eine Spur der Verwüstung, erreichte in Salzburg 130 km/h und richtete die höchsten Sturmschäden der jüngeren europäischen Geschichte an.

 So wie hier in Hörbranz waren Feuerwehrler vielerorts als "Forstarbeiter" tätig.
So wie hier in Hörbranz waren Feuerwehrler vielerorts als "Forstarbeiter" tätig.
Dramatischer Einsatz der Feuerwehr auf dem Flachdach einer Wohnanlage in  der Fußacher Gießenstraße, wo ein Teil des Dachs bereits weggefegt  worden war.
Dramatischer Einsatz der Feuerwehr auf dem Flachdach einer Wohnanlage in der Fußacher Gießenstraße, wo ein Teil des Dachs bereits weggefegt worden war.
 Bild der Verwüstung: Im Getznerwald in Frastanz sind den orkanartigen Sturmböen von "Lothar" nach Expertenschätzungen rund 1000 Festmeter Holz zum Opfer gefallen
Bild der Verwüstung: Im Getznerwald in Frastanz sind den orkanartigen Sturmböen von "Lothar" nach Expertenschätzungen rund 1000 Festmeter Holz zum Opfer gefallen
 Aufräumarbeiten im Getznerwald in Frastanz.
Aufräumarbeiten im Getznerwald in Frastanz.

Rund 6000 Festmeter Schadholz sind allein in Feldkirch den
Sturmböen zum Opfer gefallen. In Frastanz (Maria Grün) wurde ein ganzes Waldstück regelrecht abrasiert. Doch auch andernorts lehrte „Lothar“ das Fürchten: Dächer wurden abgedeckt, Bäume stürzten auf Häuser, Straßen, Schienen und Strommasten. Auf vielen Eisenbahnstrecken ging nichts mehr, Straßen wurden gesperrt, herabstürzende Äste beschädigten Stromleitungen. Im Bregenzerwald hatten Menschen zeitweise keinen Strom. Die Feuerwehren waren mit über 1400 Mann im Einsatz und absolvierten mehr als 450 Einsätze.

VN-Bericht vom 18. Dezember 1999: Die Tragseile der Karrenseilbahn wurde aus den Rollen gehoben – die Bahn war Wochen außer Betrieb.

Schaden in Millionenhöhe

Schäden in zweistelliger Millionenhöhe – allein geschätzte 20 Millionen Schilling (umgerechnet etwa 1,45 Millionen Euro) in der Forstwirtschaft – hat der schwere Sturm in Vorarlberg verursacht, berichteten die Vorarlberger Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 28. Dezember 1999. Landesweit hätten etwa 170.000 Festmeter dem Sturm nicht standgehalten. Die Holznutzung eines ganzen Jahres liege in Vorarlberg im Durchschnitt bei rund 200.000 Festmetern.

VN-Bericht vom 28. Dezember 1999. Vor allem der Wald im Bezirk Feldkirch wurde schwer getroffen.

110 Tote in Europa

Im Norden Frankreichs, Süddeutschland und der Schweiz forderte „Lothar“ 110 Menschenleben, 88 davon in Frankreich. In Vorarlberg forderte der Orkan kein Menschenleben. Ein neunjähriges Mädchen kam am Bödele mit dem Schrecken davon: Ein umstürzender Baum begrub das Mädchen, das in einer Gruppe von 60 anderen Kindern in der Lankhütte Mittag gegessen hatte, unter sich. Die neunjährige konnte unverletzt geborgen werden.

18 Menschen, die sich auf dem Hahnenköpflesessellift im Ifengebiet befanden, mussten über zwei Stunden in luftiger Höhe ausharren, ehe sie von der Bergrettung geborgen wurden.

Die Aufräumarbeiten dauerten die nachfolgenden Wochen im ganzen Land an. Allein die Beseitigung der von den Sturmböen gefällten Bäume erforderten einen enormen Kraft- und Zeitaufwand.

Vorbote des Klimawandels?

War „Lothar“ ein früher Vorbote des Klimawandels? Der Deutsche Wetterdienst betonte nach dem Jahrhundertsturm: „Alle Messungen und Beobachtungen liegen im Rahmen der üblichen Variabilität der Witterung in Mitteleuropa.“ Ein Zusammenhang mit dem Klimawandel ist nicht nachgewiesen. Er wird aber damals wie heute nicht ausgeschlossen. Der damalige Direktor der UN-Klimabehörde Klaus Töpfer sah im Orkan damals jedenfalls ein „Zeichen für den Klimawandel“.

VN-Bericht vom 28. Dezember 1999: Das Jahr war klimatisch ungewöhnlich, im Frühsommer gab es Erdrutsche, Jahrhundertniederschläge und Seehochwasser, im Dezember schloss Sturm „Lothar“ das klimatische Jahr ab.