Notenverweigerer müssen zum Rapport

Vorarlberg / 29.01.2020 • 08:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zeugnis mit oder ohne Ziffernnote: Daran scheiden sich die Geister. In Vorarlberg schwört die Mehrheit von Eltern und Lehrern auf die alternative Leistungsbeurteilung. VOL/MATTHIAS RAUCH

Verhöhnung von Ziffernnote an Lustenauer Volksschule. Jetzt schreitet Bildungsdirektion ein.

Lustenau, Bregenz Der Zwang zur Vergabe von Ziffernnoten ist in Vorarlberg auf massiven Widerstand gestoßen. Die Schulgemeinschaften von zwei Dritteln aller Volksschulen im Land hatten sich bereits für die alternative Leistungsbeurteilung bis zur vierten Klasse ausgesprochen, ehe das Gesetz von der türkis-blauen Bundesregierung geändert wurde. Auf einmal war die Vergabe von Ziffernnoten ab der zweiten Klasse gesetzlich vorgeschrieben.

Gesetz ignorieren

Jetzt wagen einige Lehrer den Aufstand. An der Volksschule Lustenau setzen die Pädagogen das Gesetz mehr oder weniger außer Kraft. Sie haben sich dazu entschlossen, den Kindern der dritten Klasse in allen Fächern die Einheitsnote zwei zu geben und dadurch die Beurteilung mittels Ziffern ad absurdum zu führen.

Die Volksschule Lustenau Kirchdorf war mit ihrem Protest gegen die Ziffernnote bereits vorher nicht unbekannt. So unterrichtet an dieser Bildungsstätte Simone Flatz (43), die vor gut zwei Wochen eine Petition für Wahlfreiheit bei der Notengebung an österreichischen Schulen ins Leben gerufen hat.

Dritte Klasse betroffen

„Wir haben uns im Lehrkörper schon Wochen vorher überlegt, was wir gegen den Ziffernnotenzwang tun können“, kommentiert Simone Flatz gegenüber den VN die Aktion. „Diese Maßnahme war eine Option. Mit Einverständnis der Eltern haben wir sie umgesetzt.“ Der Notenboykott werde nur die Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse betreffen. „Insgesamt circa 40 Kinder.“ Auch sei die Maßnahme nur als einmaliger Protest gedacht. „Wir wollen ja nicht permanent gegen das Gesetz verstoßen“, bemerkt Flatz abschließend.

„Diese Maßnahme war eine Option. Mit den Eltern haben wir sie umgesetzt.“

Simone Flatz, VS-Lehrerin

Krisengipfel

Zur Einhaltung der Gesetze werden die Schulverantwortlichen heute anlässlich eines spontan einberufenen Krisengesprächs in der Bildungsdirektion Vorarlberg aufgefordert. „So etwas geht natürlich nicht“, macht Andreas Kappaurer (58), pädagogischer Leiter der Bildungsdirektion, deutlich. In Bregenz muss sich VS-Kirchdorf-Direktor Christoph Wund den Spitzen der neuen Schulbehörde stellen. Mit dabei beim Gespräch sind Bildungsdirektorin Evelyn Marte-Stefani, Andreas Kappaurer, Schulqualitätsmanager Andreas Eder sowie Fachexpertin Susanne Speckle.

Kappaurer kann den Protest gegen die Ziffernnote verstehen, nicht jedoch die gesetzte Maßnahme billigen. „Ich verstehe auch, dass man dagegen eine Petition ins Leben ruft und die Wahlfreiheit an den Schulen fordert. Aber es darf keine Gesetzesverletzungen geben.“

Die Lehrer der betroffenen Klassen wollen ihre Aktion für das Semesterzeugnis dessen ungeachtet durchziehen. Die Petition der Initiative „Gemeinsam. Zukunft. Lernen“ für die Wahlfreiheit bei der Leistungsbeurteilung an Volksschulen erlebt indes einen starken Zulauf. „Wir haben schon 6000 Unterschriften gesammelt, und die Petition läuft noch bis Anfang März“, freut sich Simone Flatz.