Warum Fahrradfahren derzeit boomt

Fahrradhändler erleben derzeit Ansturm. Wartezeiten bei Werkstätten.
Feldkirch Sport zu betreiben ist in Zeiten des Abstandhaltens und von geschlossenen Fitnesscentern gar nicht so einfach. Zwar gelten die schrittweisen Lockerungen für den Breitensport seit 1. Mai, wobei ausgewählte Outdoor-Sportstätten, wie zum Beispiel Tennisplätze, für Hobbysportler unter strengen Sicherheitsauflagen wieder geöffnet sind. Blickte man die vergangenen Wochen auf Vorarlbergs Straßen, scheint sich aber eine Sportart abseits dieser Sportstätten besonders hervorgetan zu haben: Radfahren – egal ob mit E-Bike, Mountainbike oder dem klassischen Drahtesel – erlebt derzeit einen regelrechten Boom.

Vier bis fünf Wochen Wartezeit
Dass dieser Eindruck nicht täuscht, zeigt ein VN-Rundruf bei Vorarlberger Fahrradhändlern. „Es ist derzeit sehr extrem, was momentan an Fahrrädern gekauft wird. So etwas habe ich in den vergangenen sieben Jahren nicht erlebt“, schildert etwa Martin Kepplinger den Ansturm auf sein Geschäft 2RadMartin in Bludenz. Der Umsatz im Vergleich zu den Vorjahren könne derzeit trotzdem nicht ganz eingeholt werden, war doch das Geschäft coronabedingt in den traditionell starken Monaten März und April einige Wochen geschlossen. Wer seinen Drahtesel bei Martin Kepplinger derzeit in die Werkstatt bringen will, muss sich in Geduld üben: „Vier bis fünf Wochen Wartezeiten gibt es derzeit“, informiert der Geschäftsinhaber.

Ähnlich sieht es bei Reinhard und Bettina Berchtold in Feldkirch aus: „Wir wurden ebenfalls komplett überrannt“, fasst der ehemalige Radrennprofi und Inhaber des Fahrradfachgeschäfts Bike Works die vergangenen Wochen zusammen. Sowohl E-Bikes als auch klassische Fahrräder seien beliebt. „Und das, obwohl die Schweizer und Liechtensteiner Kundschaft komplett vom Markt verschwunden ist.“ Zugute gekommen sei den kleineren Händlern aber, dass die großen Geschäfte geschlossen waren. Viele Menschen hätten gar nicht gewusst, dass Fahrradwerkstätten trotz Lockdown auf Notbetrieb geöffnet hatten.
Nachhaltige Änderung?
Ob allerdings von einem längerfristigen Boom gesprochen werden kann, sei fraglich, sagt Veronika Rüdisser, Vorstandsmitglied des Vereins Radlobby Vorarlberg: “Es scheint jedoch, dass tatsächlich mehr Radfahrende auf den Straßen Vorarlbergs unterwegs sind.” Das könne vielfältige Gründe haben: “Menschen, die sich sonst bei viel Autoverkehr mit dem Rad unsicher fühlen, konnten nun genussvoll und sicher radeln. Zudem stiegen wohl viele von den öffentlichen Verkehrsmitteln auf das Fahrrad um, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren”, nennt Rüdisser mögliche Motive. Ein weiterer Grund sei, dass das Fahrrad von vielen bewusst genutzt werde, um den durch die Maßnahmen entstandenen Bewegungsmangel auszugleichen und frische Luft zu schnappen.
“Es wäre jetzt die Zeit, das Fahrradfahren auch von offizieller Seite massiv zu fördern.”
Veronika Rüdisser, Radlobby Vorarlberg
Radfahrfreundliche Verkehrsplanung
Veronika Rüdisser wünscht sich für eine nachhaltige Änderung des Mobilitätsverhaltens eine radfahrfreundliche Verkehrsplanung: “Es wäre jetzt die Zeit, das Fahrradfahren auch von offizieller Seite massiv zu fördern. Dies ginge auch ohne Geld.” So wurden in den vergangenen Wochen in vielen europäischen Städten Pop-up-Radstreifen eingerichtet, um Radfahrenden mehr Raum und Sicherheit zu bieten. “In Vorarlberg steht dies derzeit leider nicht zur Debatte, obwohl ein Großteil der Radwege nicht für eine starke Zunahme des Radverkehrs ausgelegt ist”, bedauert Rüdisser. Die Sicherheit könne leicht über Maßnahmen wie etwa Temposchutz oder das Einhalten von sicheren Überholabständen erhöht werden. Auch hier seien der Radlobby keine konkreten Maßnahmen vonseiten des Landes bekannt.
