Integra-Chef kritisiert Hausdurchsuchungen

Vorarlberg / 04.11.2020 • 18:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Integra-Chef kritisiert Hausdurchsuchungen
Maier zieht im VN-Interview Bilanz seines ersten Jahres. VN/STEURER

Integra-Geschäftsführer Hartwig Maier zieht im VN-Interview Bilanz und blickt in die Zukunft.

Wolfurt Vor einem Jahr hat Hartwig Maier die Integra übernommen. Im VN-Interview zieht er Bilanz und blickt auf eine turbulente Zeit zurück. Die Hausdurchsuchungen findet er unverhältnismäßig, die Polizei habe das Angebot der Kooperation ausgeschlagen. Auch die Zukunft hat eine Fülle an Herausforderungen zu bieten, allen voran Corona.

Was hat sich unter Ihrer Amtszeit bei der Integra verändert?

Maier Der Leistungsnachweis zum Beispiel. Wir haben einen Wirtschaftsprüfer beauftragt und die Zeitsysteme harmonisiert. Es gibt teilweise eine andere Organisationsstruktur und andere Bereichsleiter. Wir haben ein digitales Fahrtenbuch … Das sind fast alles Empfehlungen des Landesrechnungshofs.

Rechnungshof, Corona, Hausdurchsuchungen: Wie hoch war der Anteil der Krisenbewältigung im ersten Jahr?

Maier Sehr hoch. Das sind Dinge, die man nicht braucht und sich nicht wünscht. Aber natürlich müssen wir mit der Situation umgehen.

Wurde auch Ihr Büro durchsucht?

Maier Klar. Ich bin zwar die unwichtigste Person, aber sie waren überall und haben Unterlagen beschlagnahmt. Es gibt Zeugen- und Beschuldigteneinvernahmen. Das ist für mich eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Die Sachverhaltsdarstellungen haben wir im September eingebracht. Die Hausdurchsuchungen fanden am 29. Juni statt. Wir haben immer jegliche Unterstützung und Kooperation zugesichert. Wir hätten alle Unterlagen zur Verfügung gestellt. Das hat man leider nicht wahrgenommen.

Wie geht es der Integra finanziell?

Maier Natürlich haben auch wir Einbußen durch die gesetzlichen Vorgaben zur Coronabekämpfung. Unsere Schulungsgasthäuser müssen schließen, auch unser Second-Hand-Laden „Siebensachen“ war eine Zeit lang zu. Wir reden von 15 bis 20 Prozent Einbußen, das sind mehrere Hunderttausend Euro.

Mussten Sie Mitarbeiter kündigen?

Maier Wir haben Kurzarbeit in Anspruch genommen, aber relativ kurz. Der Personalstand ist eher höher als niedriger, weil in gewissen Bereichen der Bedarf eher steigen wird. Es gibt nun gewisse Ankündigungen, dass auf Bundesebene ein Ausgleich stattfinden könnte. Das betrifft ja andere Institutionen auch.

Sozialökonomische Betriebe gerieten unter Türkis-Blau unter Druck. Nun bringt Corona ganz andere finanzielle Herausforderungen. Wie viel kann noch gespart werden?

Maier Ein Koalitionswechsel kann sich relativ schnell und enorm auswirken. Wenn plötzlich 20 Prozent der Förderprogramme weggehen, reden wir von einem siebenstelligen Betrag. Nach der Flüchtlingswelle wurden die Kapazitäten sehr rasch hochgefahren. Kurz darauf mussten sie ebenso rasch wieder runtergefahren werden. Eine gewisse Kontinuität wäre gut.

Könnten aufgrund der Coronakrise geplante Projekte doch nicht durchgeführt werden?

Maier Das kann jetzt noch nicht gesagt werden. Ich glaube, dass sich die Situation in den nächsten Jahren erst verschärft und wir vielleicht schauen müssen, was wir uns noch leisten können. Dieses Risiko besteht.

Welche Rolle spielt der zweite Arbeitsmarkt bei der Krisenbewältigung?

Maier Ich rede nicht vom zweiten Arbeitsmarkt, sondern davon, dass wir den ersten Arbeitsmarkt bedienen. Unsere Aufgabe ist es, Menschen in diesen ersten Arbeitsmarkt zurückzubringen. Die Herausforderung wird sicher wachsen. Der Verlust der Arbeit kann massive gesundheitliche und soziale Folgen nach sich ziehen. Es ist unsere Aufgabe, diese Menschen teilweise aufzufangen.

Hat sich durch die Coronakrise die Klientel verändert?

Maier Im Moment noch nicht. Aber wenn man sich die Medienberichte ansieht, wonach große Firmen ihre Mitarbeiter freisetzen, sieht man, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht ist. Die Grundstruktur unserer Klienten wird zwar bleiben, aber es könnte auch einen höher qualifizierten Personenkreis treffen, im Tourismus zum Beispiel. Aber das ist alles Spekulation. Wir wissen ja noch nicht, wie die Wintersaison läuft.

Interview: Marlies Mohr & Michael Prock

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