Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Satzzeichenfehler

Vorarlberg / 25.11.2020 • 09:00 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Wie schafft man es nur in einer Welt, in der die Übertreibung längst Normalzustand geworden ist, überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen? Zum Beispiel so: „Es wird wohl das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben.“ Also in zerbombten Ruinen, hungernd und frierend? Natürlich nicht. Armin Laschet hat den Satz gesagt. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wurde dafür sehr gescholten. Man zieh ihn der Unverhältnismäßigkeit.

Dabei haben wir unter all den schönen Satzzeichen, die der Sprache zu Gebote stehen, längst das Ausrufezeichen zum Quotenkönig erhoben. Weder den Beistrich, der uns eine Verschnaufpause verschafft, noch den Strichpunkt, der uns vollends innehalten lässt. Der Punkt ist uns viel zu gewöhnlich. Das Fragezeichen öffnet Räume, gibt aber keine Richtung vor. Das Ausrufezeichen ist anders. Es schreit, klagt an, freut sich immens. Es verzweifelt und jubelt und schon hat es die Massen auf seiner Seite.

Das Ausrufezeichen ist perfekt. Nur leider begrenzt. Das ist auch sein Problem. Ein alter, sehr geschätzter Berufskollege legte einst eine boulevardeske Wochenzeitung verächtlich zur Seite, die wieder einmal eine Nichtigkeit mit Ausrufezeichen aufs Titelblatt hob. „Wie steigern die eigentlich?“, raunzte er, „mit zwei Ausrufezeichen?“ So ist es auch mit den späten Nachkriegsweihnachten des Herrn Laschet.

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